Alle Register gezogen

Michail Tschitscherin in Aalen

Der russische Organist Michail Tschitscherin hat bei seinem Konzert in der Marienkirche in Aalen alle Register gezogen und das Publikum mit einer beeindruckenden Klangvielfalt überzeugt.

Dass Kleckern nicht seine Welt ist, zeigte Tschitscherin gleich zu Beginn. Johann Sebastian Bachs Passacaglia in c-Moll schmetterte der Orgelvirtuose den Zuhörerinnen und Zuhörern zum Auftakt förmlich entgegen. Minutenlang. Virtuos. Ohne Pause. Bachs Passacaglia gilt als die bekannteste der Barockzeit. Sie besteht aus zwei Sätzen, der eigentlichen Passacaglia und einer Fuge. Viele Passacaglien des 19. und 20. Jahrhunderts orientierten sich an diesem Werk.
Warum dies so ist, konnten die Besucher in der Marienkirche schnell selbst hören und spüren. Ja, spüren. Denn das Vibrieren der im Sonnenlicht silbern glänzenden Orgelpfeifen war über den hölzernen Fußboden im gesamten Kirchenschiff zu fühlen. Zum Fühlen gesellte sich ein besonderes Hören. Durch den Widerhall der Klänge an den massigen Betonmauern des Gebäudes war deren Ursprung räumlich kaum mehr auszumachen. Eine interessante akustische Erscheinung, die sich noch verstärken ließ, wenn man die Augen schloss.
Tschitscherin war sich der Wirkung seiner Interpretation sehr wohl bewusst. Gerne wechselte er Tempo und Lautstärke, ließ das leise Wummern am Ende von Peter Tschaikowskys Finale aus der Symphonie Nr. 6 in h-Moll lange nachklingen. Vogelgezwitscher von draußen untermalte die Szenerie, gab ihr eine paradoxe Note.
Michail Tschitscherin spielte ferner die Pastorale in h-Moll von Alexandre Guilmant samt ihren fröhlich trällernden hohen Passagen. Und er verausgabte sich wieder über viele Minuten hinweg in César Francks Choral in h-Moll. Auch Bachs musikalisches Vorbild, der dänisch-deutsche Komponist Dietrich Buxtehude, war zu hören (Präludium und Fuge in fis-Moll). Zum furiosen Finale hörten die Besucher Louis Vierne – einschließlich dem gespielten Geläut der Londoner Westminster-Glocken.

  • Veröffentlichung:
    05.05.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski
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