Auf unschuldiges Weiß gesetzt

Theater der Stadt Aalen: Proben für Georg Büchners „Woyzeck“ – Premiere am Samstag, 9. Mai

Das Theater der Stadt Aalen bringt Georg Büchners „Woyzeck“ auf die Bühne. Gemeinsam mit Dramaturgin Nina Sahm gewährt die Intendantin des Theaters der Stadt Aalen spannende Einblicke in ihre Probenarbeit – Szenenspiel inklusive.

„Der Text ist hervorragend“, erklärt Katharina Kreuzhage und nippt vorsichtig an ihrem heißen Kaffee. „Das schwierige für viele Schauspieler ist, dass in diesem Stück mal kein Scheiße und Arschloch vorkommt“, beschreibt sie die Besonderheiten von Georg Büchners „Woyzeck“. Viele seien zuvor kaum in Berührung mit Klassikern gekommen. „Das ist für manche etwas kompliziert, aber das ist eben auch Teil ihres Berufs“.
Die Abendsonne blinzelt durch die Scheiben des Wi.Z in Kreuzhages Büro. Kreuzhage selbst hat es sich neben ihrer Dramaturgin auf dem gemütlich aussehenden Sofa bequem gemacht. Noch ein Schluck Kaffee. Dann legt sie los.
„Kleine Klassiker sind selten“, sagt sie. „Da ist ‚Woyzeck’ für unser Theater natürlich ideal“. Das komplette Ensemble ist an dem Stück beteiligt. Drei Gastschauspieler ergänzen den Darstellerreigen. Besonderen Gefallen hat die Intendantin an der Zeitlosigkeit von „Woyzeck“ gefunden. „Es ist spannend und formal immer noch eine ziemliche Herausforderung“, bekennt sie. „Die Szenen sind so knapp beschildert, dass man ganz genau mit den Schauspielern arbeiten muss“, verdeutlicht sie diese Herausforderung. Nina Sahm nickt zustimmend, richtet den Blick auf Kreuzhage. Diese fasst sich kurz an die Brille und fährt fort. Ihre Inszenierung sei „keine zwanghafte Modernisierung des Stückes“. Bewusst habe sie auf Hartz IV-Empfänger und Bundeswehruniformen verzichtet. „Wir spielen das Stück auf moderne Art und Weise, aber in historischen Kostümen“.
Die stammen zum Teil auch aus dem Fundus des Stuttgarter Staatstheaters. „Das machen wir vor allem zur Entlastung unserer Schneiderin so. Die arbeitet schließlich nur halbtags“, erklärt Kreuzhage. Weiter zum Stück meint sie: „Wichtig ist, dass die Zuschauer das Verbrechen verstehen können“. Soldat Woyzeck ermordet im Zorn seine Geliebte Marie, nachdem er erfährt, dass diese eine Affäre mit dem Tambourmajor hat.
Vor der Bürotür wird es laut. Die Schauspieler kommen zur Probe, linsen verschmitzt durch die halbhohe Glasfront ins Büro ihrer Chefin. Geprobt wird insgesamt siebeneinhalb Wochen, „jeweils acht bis zehn Stunden an fünfeinhalb Tagen pro Woche“, informiert die Intendantin. „Das ist in Deutschland schon fast eine luxuriös lange Probenzeit“, verdeutlicht sie. Damit gebe es noch Spielraum das Stück im Entstehen zu verändern, verschiedene Ideen auszuprobieren.
„Dabei wird die Vorführung insgesamt vermutlich sehr kurz sein“, warnt Kreuzhage schon einmal vor. „Wir rechnen im Moment mit etwa einer Stunde und zehn Minuten Spielzeit“. Die Schauspieler sind in der Zwischenzeit nach oben zur Probenbühne verschwunden. Gemeinsam mit Nina Sahm geht es hinterher.
Oben angekommen herrscht buntes Treiben. Die Schauspieler Alexander Wilß (Woyzeck), Kirsten Potthoff (Marie) und Tobias Fend (Tambourmajor) bereiten sich gemeinsam mit Regie-Assistent Jakob Strack und Hospitantin Sarah Herrmann auf die Probe vor, schlüpfen in ihre Kostüme.
Alles andere als bunt ist die Kulisse. Für „Woyzeck“ setzen Kreuzhage und ihre Bühnenbildnerin Ariane Scherpf auf unschuldiges Weiß. „Es ist noch nicht ganz fertig“, erklärt Sahm. Sie deutet auf ein großes Loch im hinteren Bereich der Bühne.
Erstmals werde das Ensemble in einer auch nach unten geöffneten Kulisse arbeiten. „Wir haben im Moment ein Netz darin gespannt, damit nichts passiert“, so Sahm weiter.
Die erste Probenszene steht an. Der Tambourmajor in seiner blauen Uniform tritt auf, singt. Marie kommt hinzu. Kurzes Gespräch, dann schmusen die beiden. Potthoff versucht das weiße Tuch in ihren Händen auszubreiten und sich gemeinsam mit Wilß darunter zu „verstecken“. Dies klappt nicht, wie geplant. Die beiden verheddern sich.
Kreuzhage lacht und meint entschuldigend: „Ja, das ist noch unser kleines technisches Problem“. Ihre Schauspieler lobt sie: „Das war gut“. Potthoff ist mit ihrer Marie noch nicht ganz zufrieden: „Ich finde sie wirkt ein bisschen älter“. „Sie soll auch fraulich wirken“, beruhigt sie Kreuzhage. „Wie alt bist du denn eigentlich?“, will sie von ihrer Schauspielerin wissen. „26“, lautet die Antwort. „Ja, dann wärst du in der damaligen Zeit ja schon im heiratsfähigen Alter“, meint Kreuzhage schmunzelnd.
„Gehen wir doch gleich mal in die nächste Szene“, dirigiert sie weiter und führt ein: „Woyzeck bekommt gesteckt, dass er nicht der einzige ist, der in Maries Bett steigt. Das hat Folgen…“.
Kreuzhage begibt sich auf die Bühne, fordert etwas mehr Emotion von ihrem Woyzeck und noch mehr Coolness von Marie. „Und zum Kuss: Das ist wie bei Kitschgeschichten. Er raubt ihr den Kuss“, erklärt die Intendantin. „Es geht wirklich um Besitz“. Entschlossen begibt sie sich zurück auf die Zuschauerränge: „Das machen wir gleich noch mal“.

  • Veröffentlichung:
    30.04.2009
  • Medium:
    Magazin “FreiZeit” (Beilage der Tageszeitungen “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”)
  • Copyright
    by Heiko Buczinski
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