Erinnerungen an ein Leben

Die Autorin Kathrin Aehnlich liest im Kino am Kocher aus ihrem Debütroman „Alle sterben, auch die Löffelstöre“

Tod ist Trauer. Tod bedeutet Reflexion. Doch was passiert, wenn ein Leben den Tod überdauert? Kathrin Aehnlich erzählt in ihrem Roman „Alle sterben, auch die Löffelstöre“ die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft. Pflichtlektüre an baden-württembergischen Realschulen. Eine nachdenkliche Lesung im Aalener Kino am Kocher.

Löffelstöre gibt es seit etwa 80 Millionen Jahren. Sie sind ein Überbleibsel aus der Urzeit unseres Planeten. Sie haben sich Bedingungen angepasst, die längst nicht mehr herrschen. Damit erwecken sie aber auch die Illusion, aus der Zeit zu fallen, nicht dem allgemeinen Kreislauf des Lebens zu unterliegen.
Ein Wunsch, ein Traum, der die Menschheit seit Jahrhunderten bewegt. Ob Jungbrunnen, der heilige Gral oder Drachenblut – an der Vergänglichkeit des Lebens konnten auch die verzweifeltsten Jagden nichts ausrichten. Alle sterben, auch die Löffelstöre. Kathrin Aehnlichs Debütroman erschien im März 2007. Die Leipzigerin beschreibt darin ganz unchronologisch die Lebensläufe von Skarlet und Paul (angelehnt an Sartre eigentlich Jean-Paul). Erzählfetzen lassen aneinandergereiht und in die richtige Reihenfolge sortiert ein Bild entstehen.
Das Kennenlernen von Skarlet und Paul im DDR-Kindergarten bei der gestrengen „Tante Edeltraut“. Ihre innige Freundschaft, die sie trotz unterschiedlicher Lebensausrichtungen immer wieder zusammenführte. Der Krebstod Pauls und dessen Wunsch, Skarlet möge bei seiner Beerdigung „ein bisschen Geschichten erzählen ohne Pathos“. Wie ihr Alter Ego berichtet Aehnlich den Besuchern im Kino am Kocher nun aus dem Leben der beiden Freunde, dem Leben in der DDR.
Wunderbar, ergreifend und traurig zugleich. Der Witz, der mitschwingt, lockert das Gehörte um das tragische Schicksal Pauls auf. „Es gab für alles Kataloge. Auch für Särge“. So makaber diese Feststellung Skarlets doch sein muss, sie trägt auch eine gewisse Ironie in sich. Der Tod ist heute alltäglich. Nichts Besonderes mehr. Vermarktbar. „In der Zukunft wird es 35-teilige Ikea-Särge zum Mitnehmen geben“, ist sich Skarlet sicher. „Meine größte Angst ist, dass alles wirklich so banal ist, wie sie es uns immer gesagt haben“, zitiert Aehnlich ihre Protagonistin. Die Autorin, die seit 1992 in der Feature-Redaktion von MDR-Figaro arbeitet, gewährt einen bewegenden Einblick in das Leben von Skarlet und Paul, in das Sterben des Letzteren.
Teil-autobiografisch sei das Werk, sagt sie später. Auch Aehnlichs bester Freund wurde krank und starb. „Es war das erste Mal, dass ich mit dem Thema Sterben konfrontiert wurde“, bekennt sie und liefert sogleich die Ursache für den packenden Realitätssinn ihres Buches.
Erstaunt sei sie gewesen, dass ihr Buch Schullektüre für 16-Jährige wurde, sei es doch „für ungeübte Leser nicht ganz einfach zu lesen“. Dass man mit Jugendlichen gut über Tod und Sterben reden könne, habe sie jedoch bereits an ihrer Tochter gemerkt. Diese war 15 Jahre alt, als Aehnlichs Freund starb. „Viel positive Resonanz ernte ich von Seiten der Schüler“, erzählt sie dann doch ganz gerne.

  • Veröffentlichung:
    09.02.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski