Diese Piano-Lady ist heiß

Crickett Allen zu Gast im Aalener Kulturcafé „Rambazamba“

Eigentlich weilt Crickett Allen derzeit im Ländle, um in Aalen und Heidenheim Gospel-Workshops zu geben und ein Musical auf die Bühne zu bringen. Doch die US-Amerikanerin ist Vollblutmusikerin, braucht ihre Bühne, liebt das Publikum. Zeit für ein musikalisches Intermezzo im Aalener Kulturcafé „Rambazamba“ findet sich da immer.

Sie ist eine Ausnahmekünstlerin, begleitete Legenden wie BB King, Dolly Parton oder Kenny Rogers auf Tournee. Crickett Allen liebt die Musik. Und das merkt man. Gemeinsam mit Norbert Botschek (Saxofon), Eddy Cichosz am Schlagzeug und dem Bassisten Markus Braun sowie Stefan Frank (Gitarre) gab die Pianistin und Sängerin jetzt wieder eines ihrer umjubelten Gastspiele in Aalen.
„Crickett Allen is in town“, führt Cichosz entsprechend in den Abend ein. „Und wie!“, möchte man hinterher schieben. Auftritt der Musiker – binnen Sekunden ist es ruhig im Café. Dann legt Allen los. Ihre tiefe, röhrende Stimme vibriert. Im Wechsel mit Norbert Botschek singt sie sich in Fahrt. Gegenseitig schaukeln sich die beiden hoch. „Just the two of us“ von Grover Washington Jr. und Bill Withers klingt da fast schon wie eine musikalische Liebeserklärung. Die hat Allen auch für die Ostalb im Gepäck, zählt fröhlich ihre deutschen Lieblingsstädte auf: „Aalen, Heidenheim, Nürnberg, Köln und München“. In genau dieser Reihenfolge. Doch auch ihre Heimat soll nicht zu kurz kommen. Country gehört schließlich zum festen Bestandteil ihrer Show. „I’m from Nashville, Tennessee“, ruft sie ins Mikrofon. Neben Country kredenzt das Quintett feinen Jazz, ein bisschen Funk, Feierabend-Blues und Rock’n’Roll.
Voller Elan haut Allen bei jedem Titel in die Tasten ihres Pianos, wippt abwechselnd wild mit dem linken und dem rechten Fuß, würde am liebsten loslassen und tanzen. „I’m old and I’m tired, but I’m hot“, sagt sie, greift nach ihren Notenblättern und fächelt sich demonstrativ Luft zu. Die Lieder des Abends sind Klassiker, laden zum Mitsingen ein: „Mustang Sally“, „Blue Suede Shoes“ oder Chuck Berrys „Johnny B. Goode“. Zwischendrin bieten die Musiker auch den leisen Tönen Raum. Gefühlvoll singt Crickett Allen die wunderschöne Ballade „Feels Like Home“ von Chantal Kreviazuk, beobachtet genussvoll, wie ihre Zuhörer spontan Tischlichter umfunktionieren und im Takt der Musik umherschwenken. Genau hier fühlt sie sich zuhause.

  • Veröffentlichung:
    25.04.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Poetisches Kreativ-Epizentrum

Matthias Holtmann präsentiert die „SWR1 Pop Lyrik in Concert“ im Café Magazine in Aalen

Popstars singen von weißen Kindern, bemängeln die Unterdrückung der Männer durch Frauen, üben Gesellschaftskritik. Damit jeder die Inhalte ihrer Songs verstehen kann, gibt es seit elf Jahren einen besonderen Übersetzungsdienst im Radio: die „SWR1 Pop Lyrik“. Im „Magazine“ brachte Moderator Matthias Holtmann sie nun gemeinsam mit Musikern und Schauspielern auf die Bühne.

„Es ist Viertel vor drei in der Früh. Joe der Barkeeper und ich sind die Einzigen, die noch in der Bar sind“, entführt der Schauspieler Jochen Stöckle die Besucher im Magazine auf eine poetische Zeitreise durch die Musik der letzten gut 60 Jahre.
„Mach einfach noch zwei Drinks“, fährt er fort. „Einen für meine Verflossene – und einen für die Straße“. Es sind Zeilen wie diese, die die Zuhörer begeistern. Fremdsprachige Liedtexte verdeutscht. Der Titel um den (liebes-) trunkenen Kneipengast und Joe den Barkeeper stammt aus dem Jahr 1947 – gesungen von keinem Geringeren als Frank Sinatra.
Wechsel am Mikrofon. Alexander Kraus betritt die Bühnenbretter. Auf den gesprochenen deutschen Text folgt nun die musikalische Darbietung auf Englisch: „One for my baby – one for the road“. Dann übernimmt der Vater der Pop-Lyrik das Zepter. Gewohnt spaßig führt Matthias Holtmann durch die Show – sprechend, schauspielernd, ja, sogar singend. Schauspielerin Simone von Racknitz, Sängerin Britta Medeiros, Pianist Peter Grabinger sowie das Trio „Acoustic Groove“ (Andreas Franzmann, Patrick Schwefel und Winfried Magg) begleiten ihn durch das weitere Programm.
Wie an einem Zeitstrahl hangeln sie sich gemeinsam entlang – von Bob Dylan („Think twice“) über Bryan Adams („Summer of ‘69“) bis zu Amy Winehouse („Rehab“). Auch eine Country-Version von Kid Rocks „All summer long“ gehört zum Repertoire. „Selbst die, die eine Sprache gut sprechen, kennen den Inhalt ihrer Lieder meist nicht“, erklärt Holtmann den Beweggrund für das poetische Übersetzen von Radio-Hits.
Wer kennt schon die Legende vom Kind des Mondes, dem „Hijo de la luna“ (gesungen in der Version von Mecano)? Oder wer wusste um die tieftraurige Bedeutung von Bobbie Gentrys „Ode to Billie Joe“? Oft sind es nicht nur schöne Melodien, die ein Lied ausmachen. Es sind auch die Geschichten, die es erzählt. Und dass sie sich perfekt aufs Erzählen verstehen, haben Matthias Holtmann und seine acht Begleiter bewiesen. Donnernder Applaus, trampelnde Füße und stehende Ovationen sind ein unmissverständliches Indiz.

  • Veröffentlichung:
    21.04.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Geballte Ladung Testosteron

Bebend lauter Osterrock mit Max Buskohl im Aalener „Rock it“

Eine Premiere, vier Lärmspezialisten und ein Rebell beim Osterrock im „Rock it“. Das Programm hielt, was es versprach: feinster Rock, ein bisschen Punk und sinnliche Balladen. Nur die Lautstärke war manchmal zuviel des Guten.

Max Buskohl im „Rock it“.

Max Buskohl im „Rock it“.

Rock muss beben. Das ist fast schon so was wie ein Naturgesetz. Erst recht von Bedeutung, wenn die Musiker allesamt männlich sind. Die „richtige“ Lautstärke zu finden ist dennoch schwer. Was open air oder in großen Hallen geht, ziemt sich in kleinen Lokalen eher weniger. Was „The Gas“ beim Osterrock im Aalener „Rock it“ ablieferten, war denn doch zu viel des Guten. Den vier Jungs aus Ulm missglückte der Versuch die passende Lautstärke zu finden.
Übertrieben laut reihten sie in der Enge des Raums einen Titel an den nächsten. Musikalisch einwandfrei. Stimmlich perfekt. Aber eben nah an der Schmerzgrenze. Zu nah. „Ich muss hier raus, das ist mir zu laut“, meinte eine Besucherin und bahnte sich ihren Weg nach draußen. Andere funktionierten Papiertaschentücher zu Ohrstöpseln um.
Dabei bewies die Formation schon beim Intro zu ihrem ersten Titel, dass sie sich auf Hard Rock versteht. Mit dröhnender Gitarrenpower bliesen die Musiker schwungvoll die letzten balladesken Ohrwürmer ihrer Vorgänger aus dem Gebäude, setzten mit Orgel und Posaune interessante Akzente.
„Eine geballte Ladung Testosteron“, nannte das Sängerin Olimpia, die mit ihrer Gruppe „The Diners“ zuvor eine mehr als gelungene Premiere auf der Bühne feierte. Die quirlige Balladen-Queen mit italienischen Wurzeln begeisterte gleich dreisprachig – englische, deutsche und italienische Titel wechselten sich ab. Ein Mischung aus Gianna Nannini und Laura Pausini – eingängig, rockig, sanft. Und auf jeden Fall hörenswert.
Das erwarteten die zahlreichen Fans auch von Max Buskohl und seiner Band „Empty Trash“. Lässig stand der frühere Top10-Kandidat von „Deutschland sucht den Superstar“ mit Schildmütze auf dem Kopf und glatt gestriegelten, schulterlangen Haaren am Mikrofon, griff beherzt in die Saiten seiner silbernen Glitter-Gitarre. Noch mehr Testosteron. Schnell wurde klar, dass Buskohl das Genre mehr liegt als vieles, das er bei DSDS machen musste. Rock ist seine Welt – und mit „Empty Trash“ bereist er sie.

  • Veröffentlichung:
    14.04.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Flott unterwegs mit der Zunge

„Hämmerle“ in Abtsgmünd

Er kennt seine Pappenheimer. Und er zerpflückt sie – systematisch. Bernd Kohlhepp ist Hämmerle. Ein anstrengender Nachbar. Ein schrulliger Schwabe. Ein begnadeter Sänger. Elvis Presley hat es ihm angetan. Mit schwäbischen Texten neu angerichtet, trällert Hämmerle die Melodien des King. Ein Erlebnis, das vor allem die Besucher in den ersten drei Reihen der Abtsgmünder Zehntscheuer so schnell nicht vergessen werden.

Bernd Kohlhepp ist das „Hämmerle“.

Bernd Kohlhepp ist das „Hämmerle“.

Kultkomiker Bernd Kohlhepp kennt keine Tabus. Schon gar nicht, wenn es um das Privatleben seiner Zuschauer geht. Immer tiefer gräbt er als Parade-Schwabe „Hämmerle“ in den Biografien der Besucher in den vorderen Reihen, entlockt ihnen unverblümt so manches Geheimnis. Bissig, ja scharfzüngig geht er mit ihnen ins Gericht. Brigitte, Traudel, Renate, Ursula, Markus, Guido – alle müssen dran glauben. „Wer setzt sich bei so einem Konzert auch freiwillig in die erste Reihe?“, fragt er hinterlistig. Selbst Abtsgmünds Bürgermeister Georg Ruf entkommt den Hämmerle’schen Angriffssalven nur bedingt. Vorzeitiges Verlassen des Saals wird von diesem nämlich mit einer geballten Ladung Sarkasmus geahndet. „Er hat gesagt, er würde zwischendrin ab und zu Sport machen; vielleicht hat er seine Bestimmung jetzt gefunden“, lästert Hämmerle dem entfleuchten Schultes hinterher.
Doch der schwäbische Rock’n’Roller kann auch anders. Singen nämlich. Am liebsten Elvis. „Der Bempflinger König trifft den King aus Memphis“, beschreibt er seine schwäbischen Adaptionen bekannter Elvis-Titel. So wird aus „Love me tender“ ein einfaches „Seifenspender“ und „Are you lonesome tonight“ mutiert zu „Ich bin langsam zurzeit“ – einer Hommage an den Ampelblitzer, dem er seinen Führerscheinentzug verdankt. Natürlich verkörpert der Gesichtsakrobat Kohlhepp auch wieder die rüstige Rentnerin Frau Schwertfeger. Wie selbstverständlich legt er sich auch in Abtsgmünd wieder mit seinem Dauerrivalen Hambacher an.
Und ganz nebenbei löst er noch eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte. Hämmerle weiß ganz genau, warum Frauen immer zu zweit aufs Klo gehen. Es liegt an der Lichtschranke für Wasserhähne. „Die ist oft einfach zu weit weg vom Waschbecken. Da braucht’s zwei zu“.

  • Veröffentlichung:
    03.04.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Wenn Klangkünstler basteln

„nachtlüx“ präsentieren ihre CD „Nach Norden“ in Aalen und Schwäbisch Gmünd

Eines ist klar: „nachtlüx“ ist keine Live-Band im üblichen Sinn. Das Ensemble lebt nicht von der Interaktion mit dem Publikum, sondern findet sein Glück darin, glückliche Zuhörer zu sehen, die von seiner Musik gefesselt, ja verzaubert werden. Eine studioreife Leistung in die Öffentlichkeit getragen – die CD-Release-Konzerte von „nachtlüx“ im Kulturcafé Rambazamba in Aalen und im Café Spielplatz in Schwäbisch Gmünd.

„nachtlüx“ sind Klangkünstler und Produzent Venezian sowie Sängerin Lea W. Frey. Ein Zusammenspiel aus raumgreifenden Klängen und einer unglaublich klaren Stimme. Eine Musik, die nur schwer zu fassen, zu beschreiben ist. Ist es Muzak? Nein. Atmosphärischer Live Ambient? Vielleicht.
Es dominieren sanfte, lang gezogene und warme Töne. Räumliche Effekte, Klanglandschaften, Geräusche aus der Natur. Jazzige Elemente und dezent angedeuteter Poprock mischen sich darunter. Und immer wieder diese Stimme.
„Nach Norden“ heißt ihr Album. „Wohin zieht es uns?“, singt Lea W. Frey. Deutsche Texte. Ruhig, lasziv, fast meditativ vorgetragen. Feine Gitarrenklänge (Peter Meyer) schmuggeln sich darunter. Angenehm soft streichelt Raphael Becker-Foss sein Schlagzeug. Auch der Bass (Bernhard Meyer) fügt sich wunderbar ins Gesamtgebilde ein.
Manches erinnert ans Musikprojekt Schiller. Und jedes Mal, wenn sich der Zuhörer sicher ist, Parallelitäten zu erkennen, überzeugt ihn „nachtlüx“ doch wieder vom Gegenteil, wird plötzlich laut, rockig, schnell. Bis Lea W. Freys Stimme die Musik wieder einfängt, sie zügelt.
Venezian spielt an seinen Reglern, streicht über die Tasten seines Rhodes, wischt sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Mit geschlossenen Augen steht Lea W. Frey auf dem Podest, unterstreicht mit seichten Handbewegungen ihren Gesang, umfasst dann wieder das Mikrofon, berührt den Mikrofonständer. Ganz zärtlich, nur mit den Fingerspitzen. „Wir sind so fern, Körper treffen sich im Universum, die Gedanken Hand in Hand in Hand . . .“ Nach Norden lotst ihre CD. Weg vom Alltag zieht ihre Musik die Besucher.
In Lea W. Freys Stimme verliert man sich wie in ihren Kompositionen. Rauchig, flüsternd, hoch und tief. Und egal, welchen Titel die Band anstimmt, Freys Stimme ist stets ab dem ersten Augenblick voll da. Schön und klar. „nachtlüx“ sehen ihre Musik als Gesamtkunstwerk, arbeiten kontinuierlich daran, begreifen ihr Werk als sich stetig verändernden Prozess. Musik als Kunstobjekt. Nur das Ganze zählt. Nur aufs Ganze kommt es an. Und so verbreiten sie Gänsehautstimmung auch bei gecoverten Titeln wie Karats „Der blaue Planet“.
Am Ende geben „nachtlüx“ den Besuchern als besinnlichen Abschiedsgruß ihr „Schlaflied“ mit auf den Weg. Und Lea W. Frey philosophiert: „Mach dich auf in dein eigenes Land – und was draus wird, das liegt an dir“.

  • Veröffentlichung:
    02.04.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Große Sause in Aalens „Wohnzimmern“

Das 9. Aalener Kneipenfestival lockt mit klasse Bands das Partyvolk wieder in Scharen in die Innenstadt

Die Tür zur Havannabar geht auf. „I need a miracle“ hallt es laut durch die Helferstraße. DJ Daniel D’Amour steht hinter den Plattentellern. „So lernt man die ganzen Bars endlich mal kennen“, freut sich die junge Frau, die gerade das Lokal verlässt. Ihre Begleiter nicken zustimmend. „Wohin gehen wir jetzt?“, fragt einer. „Im Frapé gibt’s Funk“, sagt sie. Schnell sind sich die Partygänger einig: „Auf geht’s zur nächsten Runde!“.

Vor dem Infobus auf dem Marktplatz hat sich eine kleine Schlange gebildet. Einlassbändchen für die Kneipen werden verkauft, Programmhefte verteilt. Am Eingang zum „Podium“ wird kontrolliert. „Habt ihr schon einen Bändel?“. Brav zeigen alle ihre Handgelenke. Im gestreiften T-Shirt und mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf setzt Saxofonist Josch von „The Beach Bums“ zum Solo an. Ska und Reggae mit deutschen Texten. Dazu ein bisschen Polka.
Ein paar Meter weiter im „Samocca“ geht es ruhig zu. „Blue Print“ sorgen hier für chillige Stimmung. Der Sekundenzeiger der Schattenuhr an der Wand bewegt sich langsam im Takt zum Bluesrock. Nebenan im „Enchilada“ wird derweil gefeiert. Ein angehender Ehemann auf Junggesellenabschied wird auf seinem gelben T-Shirt als „Held des Tages“ betitelt. Seine Männerrunde hat ihn damit beauftragt, die Band dazu zu bringen, einen Schlager für ihn zu spielen. Die zeigt sich spontan und stimmt für den Bräutigam – sehr zur Freude des mitsingenden Publikums – Olaf Hennings „Komm hol das Lasso raus“ an. Langsam wird es voll im „Enchilada“. Das ist es kurz vor 22 Uhr auch im „Irish Pub O’Brian“. Coverrock steht hier auf dem Programm. Pinks „Who knew“ schmettert durch den Raum. Rauchschwaden wabern hoch zur Galerie. Eine Gruppe Abiturientinnen feiert Prüfungshalbzeit. „Da lernt es sich morgen viel leichter“, sagen sie und lachen. Kurz vor halb elf ist es auch in der Helferstraße brechend voll. Im „Quattro“ stauen sich die Besucher bereits auf dem Gang im Obergeschoss. Die nehmen es mit Humor. „Ist das ein Wohnzimmer da hinten?“, fragt einer und schmunzelt. Die beiden Gitarristen von „Acoustasonix“ sind zumindest zu hören.
Nicht weniger voll ist es im „Hobel“. „Jetzt geht nichts mehr, hier ist Schluss“, heißt es bald auf der Treppe nach oben, wo die „Nikola Band“ alternativen Pop-rock kredenzt. Wie lebendige Schaufensterpuppen sehen die Musiker von „e-werk“ im Reichsstädter Café aus. Das Quartett begeistert mit feinem Bar Jazz. „Hallo Timo!“, begrüßt Saxofonist Norbert Botschek den eintretenden Timo Schaal. Gegenüber im „Rambazamba“ herrscht Platznot. Während „P-Lounge“-Sängerin Bridget Jaqueline Huguet den Besuchern kräftig einheizt, bahn sich Martin Dannenmann mit einer Getränkekiste vor dem Bauch den Weg zur Theke. Ein gemütliches Intermezzo bietet sich bei Frau Prof. Dr. Dr. S. K. Hentze und „Spielführer“ Stefan Frank im „Venezia“. Minimalistisch in der Ausstattung beweist Hentze musikalisches Geschick und verausgabt sich auf gewohnt ironische Art an Klarinette und Keyboard. Als „Geheimtipp“ vor den übrigen Lokalen gehandelt, erweisen sich „La Rolls“ im „Rezeptfrei“ als eine der interessantesten Entdeckungen des Abends. Um Mitternacht erreicht die Stimmung im „Podium“ ihren Höhepunkt. Die MCs vom Kingston Guerilla Soundsystem heizen den Besuchermassen kräftig ein. „Wer ist heute aus Schwäbisch Gmünd hier?“, fragen die DJs durchs Mikro. „Wir!“, schreit ihnen eine Gruppe Mädels entgegen. „Wer geht da aufs Hans-Baldung-Gymnasium?“, lautet die nächste Frage. Erstaunt antworten die Mädchen wieder: „Wir!“. „Gut, und wer von da hat seine Schülermonatskarte hier verloren? Der kann sie sich hier bei uns abholen“.

  • Veröffentlichung:
    30.03.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Besonders dick aufgetragen

Harry Meyers Ausstellung „Land und Kopf“ in der SüdWestGalerie in Hüttlingen-Niederalfingen

Ist er ein malender Plastiker oder plastischer Maler? Harry Meyer führt die pastose Farbmalerei ad absurdum. Zentimeterdick türmen sich die Ölfarbschichten in seinen Bildern auf. Die Motive springen den Betrachter dadurch förmlich an. Entfremdete Wirklichkeit mit weltlichem Bezug in der SüdWestGalerie in Hüttlingen-Niederalfingen.

Auf einer Linie: Die Bilderserie „Köpf“ und die Holz-Ölfarben-Plastik „Kopf“ von Harry Meyer.

Auf einer Linie: Die Bilderserie „Köpf“ und die Holz-Ölfarben-Plastik „Kopf“ von Harry Meyer.

„So manch einer mag sich fragen ‚Wie lange macht die Farbe das noch mit?“, deutet Dr. Sabine Heilig die erstaunten Mienen der Besucher bei der Vernissage zur Ausstellung „Land und Kopf“. Meyer modelliert die Ölfarben auf der Leinwand, formt sie zu bunten Wellen, Schneckenhäusern, Wolkenformationen. Immer wieder holt er während des Malens untere Schichten erneut hervor. „Dadurch entsteht eine gewisse Marmorierung“, erläutert Heilig. Tief ragen die Spitzen gezupfter Farbmischungen in den Raum hinein, scheinen sich dem Betrachter entgegen zu werfen. Der Plastik „Kopf“ ist diese Flucht vor der sie fesselnden Leinwand gelungen. Leicht verschoben, aber in voller Plastizität steht besagter Kopf auf seinem weißen Sockel – vor der Wand. Meyer arbeitet mit großen Pinseln – auch bei kleinformatigen Motiven. Eine hohe Kunst. Die Farbmischungen wirken dabei stets harmonisch. Durch Lichteinfall entstehen immer neue Farberlebnisse, glänzende Reflexionen, Schatten.
„Meyers Malerei ist Farbe und Form und zwar gegenständlich erfahrbare farbige Form“, erläutert die Kuratorin der Galerie. Es gehe Meyer nicht um die Darstellung von Wirklichkeit. Der Künstler lehnt gelassen an der Wand und nickt zustimmend. Aber die Bilder seien mit der empirischen Erfahrung der Betrachter natürlich deutbar, so Heilig. Meyer verfolge einen philosophischen Ansatz. „Es geht ihm um die Sichtbarmachung der Idee des Lebens selbst“.
Die Naturverbundenheit und Weisheit seines Großvaters hätten als Ideenträger fungiert. Meyer lege Wert darauf, dass er keine Landschaften, sondern Natur male. Mit seinen Porträts kehrt er das Innenleben der Menschen nach außen, zieht ihnen quasi die Haut ab. Eine gewisse Analogie zu Gunter von Hagens „Körperwelten“ ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Heilig: „Er hat die Verinnerlichung des Motivs auf die Spitze getrieben“. Ob Köpfe oder Natur, ob auf metaphysischer Ebene oder nicht – Meyers Farbreliefs beeindrucken auch durch hohe Ausdrucksfähigkeit.

  • Veröffentlichung:
    27.03.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Es ist, was es ist

Jazz Lights 2009 zu Gast auf Schloss Kapfenburg mit Betina Ignacio und Band

Es ist Unsinn sagt die Vernunft. Aussichtslos, lächerlich, leichtsinnig. Doch das Gefühl bleibt. Superlative werden der Brasilianerin nicht gerecht, klingen abgedroschen. Was Betina Ignacio so besonders macht, ist das, was sie ausstrahlt. Ein ungezügelter Optimismus, pure Lebensfreude, Exotik und Humor.

Betina Ignacio auf der Kapfenburg

Betina Ignacio auf der Kapfenburg

Es ist, was es ist – unwillkürlich kommt einem Erich Fried in den Sinn. Der Österreicher begeisterte im letzten Jahrzehnt seines Lebens mit einem der erfolgreichsten Lyrikbände der deutschen Nachkriegszeit – „Liebesgedichte“. Als ein solches kann das Gastspiel von Betina Ignacio samt Band im Trude-Eipperle-Rieger-Konzertsaal von Schloss Kapfenburg getrost bezeichnet werden.
Ein Dialog zwischen Herz und Verstand. Liebe zur Musik. Liebe zum Tanz. Liebe zu Brasilien. Und zu den Menschen – die kommt vor allem zum Ausdruck. „Stellt euch den Strand vor, hinter uns ist das Meer“, verführt Ignacio ihr Publikum, das ihr nur zu gerne ins sommerliche Brasilien, nach Rio de Janeiro oder zum bunten Karneval in Salvador do Bahia folgt. Brasil-Pop, Bossa Nova, Reggae, ein bisschen Café del Mar. Gespielt von Musikern, deren Enthusiasmus dafür sorgt, dass es letztlich – unterstützt von wiederholten Aufforderungen der Sängerin – keinen auf den Stühlen hält.
Es wird geklatscht, getanzt, gehüpft, mitgesungen. „Quem fala português aqui?“, erkundigt sich Ignacio nach den Sprachkenntnissen der Besucher. Schnell findet sich eine Gruppe Mitsänger für den nächsten Titel. Ignacios international besetzte Band verkörpert dieselbe Ausgelassenheit wie sie. Sebastian Motz am Piano, Franco Petrocca am Bass, der ebenfalls aus Brasilien stammende Percussionist Claudio Wilner.
Schon zu Beginn weiß Schlagzeuger Markus Schmidt den Takt vorzugeben. Wie ein Wilder hämmert er auf das Fell seiner Bongo-Trommel. Mit den Handflächen, mit Fäusten. Laut stampft er mit den Füßen auf den Boden. Betina Ignacio mischt sich unter die Zuschauer, beginnt plötzlich mitten unter ihnen zu singen. Es stimmt, was über ihre Stimme schon so oft gesagt und geschrieben wurde. Sie ähnelt der von Sade. Der weiche Klang ihres Portugiesisch verleiht ihr aber eine eigene Unverwechselbarkeit.
Humorvoll führt sie durch das Konzert, sucht den Dialog mit dem Publikum. „Hat jemand ein Streichholzschächtelchen?“, fragt sie. Das sei so schön passend als Percussion zur Bossa Nova. Immer wieder überlässt Ignacio der Band das Spielfeld, tanzt geschmeidig – mal mit, mal ohne High-Heels – über die Bühne. Ihre strahlend weißen Zähne funkeln, die kaffeebraune Haut lässt Wintergeplagte neidisch werden. Ihre Grübchen wirken bei jedem Lachen ansteckend. Und am Ende sind Herz und Verstand einig: Es ist, was es ist – sagt die Liebe.

  • Veröffentlichung:
    23.03.2009
  • Medium:
    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Wenn Musik zur Religion wird

Marshall & Alexander gastierten mit ihren meditativen „Götterfunken“ in der Aalener evangelischen Stadtkirche

Ja, er ist der Sohn von Tony Marshall und ja, das sieht man. Noch dazu macht auch er Musik. Allerdings keinen Schlager. Marc Marshall ist studierter Bariton. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund, dem Tenor Jay Alexander, tourt er seit zwei Jahren durch Deutschlands Kirchen. Geistlich-meditativ besingen sie dabei „Die Top 10 des Himmels“. So auch in der evangelischen Stadtkirche.

„Wir spüren, dass Musik auch Religion sein kann“, sagt Marc Marshall und lädt ein zum „Abend mit geistlicher Musik“. Seit über zehn Jahren musizieren Marshall & Alexander nun gemeinsam. Mit der Konzertreihe „Götterfunken“ bieten sie der sakralen Musik eine klassische Plattform, nutzen dafür gekonnt Kirchenschiffe als ehrwürdigen, geistlichen Rahmen. In der Aalener Stadtkirche verbinden sie ihren Auftritt mit einer kleinen Premiere.
Der Engländer Richard Whilds von der Bayerischen Staatsoper in München, der die Arien, Kantaten und Choräle des Konzerts eigens für Marshall & Alexander instrumentiert hat, gibt sein Live-Debüt mit dem Ensemble. Außerdem mit dabei: die Musiker Klaus Jäckle (Gitarre, Laute) und Frank Lauber (Flöte, Klarinetten). Das helle Licht erlischt. Dunkelheit, Stille. Rot leuchtende Strahler färben die Szenerie ein, wirken beruhigend. Das Duo tritt auf, geht andächtig in Stellung. Kerzen brennen hinter ihnen. Marshall & Alexander beginnen zu singen: „Dank sei dir, Herr“, ein Georg Friedrich Händel zugeschriebenes Chorwerk. Schnell erweist sich die Akustik des Kirchenbaus als ideal, trägt den feinen Klang der zwei Stimmen auch bis zu den hinteren Sitzbänken.
Meditative Schwingungen breiten sich aus. Geistliche Musik hat die Menschen über viele Jahrhunderte hinweg berührt. Sie tut es noch immer. Ein Wechselspiel aus reiner Instrumentalmusik und Gesang nimmt seinen Lauf. Musiker und Sänger agieren gleichzeitig, alleine, gönnen sich gegenseitig wohl akzentuierte Pausen. „Ombra mai fu (Largo)“ aus Händels „Xerxes“, verschiedene Versionen des „Ave Maria“ (unter anderem von Johann Sebastian Bach und Franz Schubert), die Arie „Dann werden die Gerechten leuchten“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy als Tenorsolo – das Repertoire der Sänger umfasst schwerpunktmäßig die geistliche Musik des Christentums.
Dass ihre musikalische Religion jedoch auch Weltoffenheit widerspiegelt, zeigen Marshall & Alexander zu Beginn der zweiten Konzerthälfte. Mit Gesängen aus dem Buddhismus, Hinduismus, dem Judentum und dem Islam spannen sie Bogen der geistlichen Musik noch weiter. Belohnt werden sie letztlich mit stehenden Ovationen.
Mit dem „Abendsegen“ von Engelbert Humperdinck und einer neu bearbeiteten Version der „Ode an die Freude“ aus Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie als Zugabe verabschieden sich Marshall & Alexander. Treffender Titel der Beethoven-Bearbeitung: „Götterfunken“.

  • Veröffentlichung:
    21.03.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski

Eine Café-Familie begeht Geburtstag

20 Jahre Szenecafé Wunderlich in Aalen – Jubiläumsfeier mit „The Phonics“

Auf dem Verstärker liegt ein Pizzakarton, auf dem Tresen stehen Weizenbiergläser. Dazwischen haben sich die Musiker von „The Phonics“ aufgebaut. Die Jubiläumsfeier des Café Wunderlich ist so speziell wie das ganze Lokal. Seit 20 Jahren trifft sich in der Rittergasse eine vielseitige Szene.

Die kleine Discokugel an der Decke dreht sich, wirft farbige Lichtreflexionen auf Wände, Tresen, Gäste und den schwarz-weißen Fliesenspiegel am Boden. Genau 20 Jahre ist es her, dass Lothar Peschke, Edwin und Harry Mahler das Szenecafé Wunderlich übernommen haben. Zum Geburtstag schenkten sie ihren Gästen ein Party-Wochenende, das in seiner Zusammensetzung die Vielschichtigkeit des Lokals widerspiegelt. Die Ellwanger 60er-Jahre-Combo „The Phonics“ machte am Freitagabend den Auftakt. Den Samstag gestalteten DJ Titze und Lord Vlad mit Mojo-Sounds. „Tanzen sie schon?“, fragt Gitarrist Stefan Mack seine Band-Kollegen und schmunzelt. Über der Theke wird die Geburtstagsfeier in Kreidelettern auf einer Tafel angekündigt. Hinter den Musikern hängt der obligatorische orangefarbene Vorhang und verdeckt die Fenster. Was puristisch anmutet, entspricht eben genau dem Stil des Wunderlich. Das Café hat sein eigenes Flair. Und dem bleibt es treu.
„Happy birthday, hallo Wunderlich!“, ruft Sänger Thomas Roder in die Runde. Immer voller wird es im Lokal. Mit „Unchain my heart“ eröffnen „The Ponics“ den gesanglichen Part ihres Konzerts. „Back to the Sixties“ – die vierköpfige Truppe verkörpert eine Nostalgie, wie sie auch das Wunderlich gerne präsentiert. So steht unter der stuckverzierten Decke unter der dunklen Holzvertäfelung eine original 1958er Hammond-Orgel. Roder hackt wie wild auf ihre Tasten, entlockt ihr Töne, die man dem 50 Jahre alten Instrument gar nicht zugetraut hätte. Roders Lavalampe leuchtet dezent, die farbigen Blasen bewegen sich auf und ab.
Roder, Mack und ihre Bandkollegen Franz Brenner (am Bass) und Christof Ernsperger (Schlagzeug) sorgen mit ihrem „Boogaloo“ für Stimmung. Soul, Surf, Beat und Dancegrooves rasseln durch das Café – von Trini Lopez mit „Gonna get along without you now“ bis zu Boney M mit „Sunny“. Neue Gäste betreten das Lokal. „Grüß Gott, hereinspaziert!“, begrüßt sie Thomas Roder. Die Wunderlich-Gäste sind eine große Familie. Man kennt sich – seit 20 Jahren.

  • Veröffentlichung:
    17.03.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
  • Copyright
    by Heiko Buczinski