Sentimentaler Streifzug

„Mix Dur mit Swing“ – Kleinkunstabend Musikschule Neresheim

Der Name hält, was er verspricht – „Mix Dur“ liefert eine bunte Mixtur aus Musikstilen, Sprachen, Gesang und Instrumenten. Was der Förderverein der Musikschule Neresheim in der Härtsfeldhalle präsentiert, ist extravagant. Was in seiner Form seltsam anmuten mag, ist ein sentimentaler Streifzug durch die Welt der Musik.

Der Neresheimer Musikschulleiter Normand DesChênes dirigiert die Big Band, die mit Jazz Swing und ein bisschen Mambo unterhielt.

Der Neresheimer Musikschulleiter Normand DesChênes dirigiert die Big Band, die mit Jazz Swing und ein bisschen Mambo unterhielt.

Xaver Weber begrüßt die Gäste im Namen des Fördervereins der Musikschule, übergibt das Moderationszepter dann an Andreas Neuhauser, der munter und witzig durchs Programm führt. Zwei Dinge prägen diesen Abend: ein musikalisches Programm, das an Abwechslung kaum zu überbieten ist, und das Wetter, das sich wie eine dramaturgische Schleife lustvoll um den Liederreigen in der Härtsfeldhalle windet.
Musikschulleiter Normand DesChênes dirigiert seine Big Band, greift immer wieder selbst zum Instrument. Virtuos bläst er das Solo zu „Mission Impossible“ auf dem Saxofon, wird vom Publikum angefeuert. Jazz, Swing, Mambo – die Big Band spielt sich in Fahrt.
Kaum hat sich das Publikum jedoch auf einen feinen Blue-Note-Abend eingestellt, kommt der erste Bruch. Arien-Sängerin Stefanie Schwarz und Pianist Hermann Durner betreten die Bühne. Stille im Saal. Durner beginnt, streichelt die Tasten seines Pianos, wartet auf den Einsatz von Schwarz. Diese schmettert gekonnt zwei Titel aus Fernando Obradors „Canciones classicas espanoles“. Ihre Stimme vibriert, wird lauter, erfüllt letztlich auch den letzten Winkel des Saals. Opernstimmung auf dem Turnhallenboden.
Auf Klassik folgt Schlager. Der Regisseur des Schwäbisch Gmünder Kolping-Musiktheaters, Michael Schaumann, intoniert Udo Jürgens: „Aber bitte mit Sahne“, „Immer wieder geht die Sonne auf“, „Boogie Woogie Baby“. Hermann Durner liefert die passenden Melodien.
Nach der ersten Pause ist wieder die Big Band am Zug. Lautstark jagt sie Scott Stantons „Adrenaline Attack“ durch den Saal. Passend dazu blitzt es von draußen aus der dunklen Nacht grell durch die Scheiben der Härtsfeldhalle. Der aufziehende Sturm begleitet das energische Wiederauftreten der Musiker: „Misty“ von Errol Garner, „Spain“ von Chick Corea. Mark Taylors Swing- und Latin-Arrangement von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ begeistert das Publikum. Abwechselnd gibt es nun Big Band, Arien, Chansons und Pausen.
Während Schwarz die Ermordung Carmens aus George Bizets gleichnamiger Oper besingt, peitscht der nun omnipräsente Sturm draußen Äste gegen die Hallenfenster. Die Dramaturgie nähert sich ihrem Höhepunkt. Schaumann singt die Titelmelodien aus „Tom & Jerry“, dem „Dschungelbuch“ und „König der Löwen“. Conférencier Neuhauser präsentiert mit seiner Band „All Inclusive“ soft-rockige Versionen von Liedern wie dem White-Stripes-Hit „Seven Nation Army“ oder dem Joe-Cocker-Klassiker „N’oubliez jamais“. „The Untouchables“ der Aalener Tanzschule Rühl zeigen unter dem Motto „Dance4Fans“ Choreografien aus aktuellen Musik-Video-Clips. Die Big Band verwöhnt die Besucher mit einem der schönsten Titel der Musikgeschichte („Music“ von John Miles), bevor sie gemeinsam mit Michael Schaumann zum klangvollen Finale bläst: Roger Ciceros „Frauen regier’n die Welt“.

  • Veröffentlichung:
    11.05.2009
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    Lokales, “Schwäbische Post”
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    by Heiko Buczinski
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Alle Register gezogen

Michail Tschitscherin in Aalen

Der russische Organist Michail Tschitscherin hat bei seinem Konzert in der Marienkirche in Aalen alle Register gezogen und das Publikum mit einer beeindruckenden Klangvielfalt überzeugt.

Dass Kleckern nicht seine Welt ist, zeigte Tschitscherin gleich zu Beginn. Johann Sebastian Bachs Passacaglia in c-Moll schmetterte der Orgelvirtuose den Zuhörerinnen und Zuhörern zum Auftakt förmlich entgegen. Minutenlang. Virtuos. Ohne Pause. Bachs Passacaglia gilt als die bekannteste der Barockzeit. Sie besteht aus zwei Sätzen, der eigentlichen Passacaglia und einer Fuge. Viele Passacaglien des 19. und 20. Jahrhunderts orientierten sich an diesem Werk.
Warum dies so ist, konnten die Besucher in der Marienkirche schnell selbst hören und spüren. Ja, spüren. Denn das Vibrieren der im Sonnenlicht silbern glänzenden Orgelpfeifen war über den hölzernen Fußboden im gesamten Kirchenschiff zu fühlen. Zum Fühlen gesellte sich ein besonderes Hören. Durch den Widerhall der Klänge an den massigen Betonmauern des Gebäudes war deren Ursprung räumlich kaum mehr auszumachen. Eine interessante akustische Erscheinung, die sich noch verstärken ließ, wenn man die Augen schloss.
Tschitscherin war sich der Wirkung seiner Interpretation sehr wohl bewusst. Gerne wechselte er Tempo und Lautstärke, ließ das leise Wummern am Ende von Peter Tschaikowskys Finale aus der Symphonie Nr. 6 in h-Moll lange nachklingen. Vogelgezwitscher von draußen untermalte die Szenerie, gab ihr eine paradoxe Note.
Michail Tschitscherin spielte ferner die Pastorale in h-Moll von Alexandre Guilmant samt ihren fröhlich trällernden hohen Passagen. Und er verausgabte sich wieder über viele Minuten hinweg in César Francks Choral in h-Moll. Auch Bachs musikalisches Vorbild, der dänisch-deutsche Komponist Dietrich Buxtehude, war zu hören (Präludium und Fuge in fis-Moll). Zum furiosen Finale hörten die Besucher Louis Vierne – einschließlich dem gespielten Geläut der Londoner Westminster-Glocken.

  • Veröffentlichung:
    05.05.2009
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    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
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    by Heiko Buczinski

Auf unschuldiges Weiß gesetzt

Theater der Stadt Aalen: Proben für Georg Büchners „Woyzeck“ – Premiere am Samstag, 9. Mai

Das Theater der Stadt Aalen bringt Georg Büchners „Woyzeck“ auf die Bühne. Gemeinsam mit Dramaturgin Nina Sahm gewährt die Intendantin des Theaters der Stadt Aalen spannende Einblicke in ihre Probenarbeit – Szenenspiel inklusive.

„Der Text ist hervorragend“, erklärt Katharina Kreuzhage und nippt vorsichtig an ihrem heißen Kaffee. „Das schwierige für viele Schauspieler ist, dass in diesem Stück mal kein Scheiße und Arschloch vorkommt“, beschreibt sie die Besonderheiten von Georg Büchners „Woyzeck“. Viele seien zuvor kaum in Berührung mit Klassikern gekommen. „Das ist für manche etwas kompliziert, aber das ist eben auch Teil ihres Berufs“.
Die Abendsonne blinzelt durch die Scheiben des Wi.Z in Kreuzhages Büro. Kreuzhage selbst hat es sich neben ihrer Dramaturgin auf dem gemütlich aussehenden Sofa bequem gemacht. Noch ein Schluck Kaffee. Dann legt sie los.
„Kleine Klassiker sind selten“, sagt sie. „Da ist ‚Woyzeck’ für unser Theater natürlich ideal“. Das komplette Ensemble ist an dem Stück beteiligt. Drei Gastschauspieler ergänzen den Darstellerreigen. Besonderen Gefallen hat die Intendantin an der Zeitlosigkeit von „Woyzeck“ gefunden. „Es ist spannend und formal immer noch eine ziemliche Herausforderung“, bekennt sie. „Die Szenen sind so knapp beschildert, dass man ganz genau mit den Schauspielern arbeiten muss“, verdeutlicht sie diese Herausforderung. Nina Sahm nickt zustimmend, richtet den Blick auf Kreuzhage. Diese fasst sich kurz an die Brille und fährt fort. Ihre Inszenierung sei „keine zwanghafte Modernisierung des Stückes“. Bewusst habe sie auf Hartz IV-Empfänger und Bundeswehruniformen verzichtet. „Wir spielen das Stück auf moderne Art und Weise, aber in historischen Kostümen“.
Die stammen zum Teil auch aus dem Fundus des Stuttgarter Staatstheaters. „Das machen wir vor allem zur Entlastung unserer Schneiderin so. Die arbeitet schließlich nur halbtags“, erklärt Kreuzhage. Weiter zum Stück meint sie: „Wichtig ist, dass die Zuschauer das Verbrechen verstehen können“. Soldat Woyzeck ermordet im Zorn seine Geliebte Marie, nachdem er erfährt, dass diese eine Affäre mit dem Tambourmajor hat.
Vor der Bürotür wird es laut. Die Schauspieler kommen zur Probe, linsen verschmitzt durch die halbhohe Glasfront ins Büro ihrer Chefin. Geprobt wird insgesamt siebeneinhalb Wochen, „jeweils acht bis zehn Stunden an fünfeinhalb Tagen pro Woche“, informiert die Intendantin. „Das ist in Deutschland schon fast eine luxuriös lange Probenzeit“, verdeutlicht sie. Damit gebe es noch Spielraum das Stück im Entstehen zu verändern, verschiedene Ideen auszuprobieren.
„Dabei wird die Vorführung insgesamt vermutlich sehr kurz sein“, warnt Kreuzhage schon einmal vor. „Wir rechnen im Moment mit etwa einer Stunde und zehn Minuten Spielzeit“. Die Schauspieler sind in der Zwischenzeit nach oben zur Probenbühne verschwunden. Gemeinsam mit Nina Sahm geht es hinterher.
Oben angekommen herrscht buntes Treiben. Die Schauspieler Alexander Wilß (Woyzeck), Kirsten Potthoff (Marie) und Tobias Fend (Tambourmajor) bereiten sich gemeinsam mit Regie-Assistent Jakob Strack und Hospitantin Sarah Herrmann auf die Probe vor, schlüpfen in ihre Kostüme.
Alles andere als bunt ist die Kulisse. Für „Woyzeck“ setzen Kreuzhage und ihre Bühnenbildnerin Ariane Scherpf auf unschuldiges Weiß. „Es ist noch nicht ganz fertig“, erklärt Sahm. Sie deutet auf ein großes Loch im hinteren Bereich der Bühne.
Erstmals werde das Ensemble in einer auch nach unten geöffneten Kulisse arbeiten. „Wir haben im Moment ein Netz darin gespannt, damit nichts passiert“, so Sahm weiter.
Die erste Probenszene steht an. Der Tambourmajor in seiner blauen Uniform tritt auf, singt. Marie kommt hinzu. Kurzes Gespräch, dann schmusen die beiden. Potthoff versucht das weiße Tuch in ihren Händen auszubreiten und sich gemeinsam mit Wilß darunter zu „verstecken“. Dies klappt nicht, wie geplant. Die beiden verheddern sich.
Kreuzhage lacht und meint entschuldigend: „Ja, das ist noch unser kleines technisches Problem“. Ihre Schauspieler lobt sie: „Das war gut“. Potthoff ist mit ihrer Marie noch nicht ganz zufrieden: „Ich finde sie wirkt ein bisschen älter“. „Sie soll auch fraulich wirken“, beruhigt sie Kreuzhage. „Wie alt bist du denn eigentlich?“, will sie von ihrer Schauspielerin wissen. „26“, lautet die Antwort. „Ja, dann wärst du in der damaligen Zeit ja schon im heiratsfähigen Alter“, meint Kreuzhage schmunzelnd.
„Gehen wir doch gleich mal in die nächste Szene“, dirigiert sie weiter und führt ein: „Woyzeck bekommt gesteckt, dass er nicht der einzige ist, der in Maries Bett steigt. Das hat Folgen…“.
Kreuzhage begibt sich auf die Bühne, fordert etwas mehr Emotion von ihrem Woyzeck und noch mehr Coolness von Marie. „Und zum Kuss: Das ist wie bei Kitschgeschichten. Er raubt ihr den Kuss“, erklärt die Intendantin. „Es geht wirklich um Besitz“. Entschlossen begibt sie sich zurück auf die Zuschauerränge: „Das machen wir gleich noch mal“.

  • Veröffentlichung:
    30.04.2009
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    Magazin “FreiZeit” (Beilage der Tageszeitungen “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”)
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    by Heiko Buczinski

Diese Piano-Lady ist heiß

Crickett Allen zu Gast im Aalener Kulturcafé „Rambazamba“

Eigentlich weilt Crickett Allen derzeit im Ländle, um in Aalen und Heidenheim Gospel-Workshops zu geben und ein Musical auf die Bühne zu bringen. Doch die US-Amerikanerin ist Vollblutmusikerin, braucht ihre Bühne, liebt das Publikum. Zeit für ein musikalisches Intermezzo im Aalener Kulturcafé „Rambazamba“ findet sich da immer.

Sie ist eine Ausnahmekünstlerin, begleitete Legenden wie BB King, Dolly Parton oder Kenny Rogers auf Tournee. Crickett Allen liebt die Musik. Und das merkt man. Gemeinsam mit Norbert Botschek (Saxofon), Eddy Cichosz am Schlagzeug und dem Bassisten Markus Braun sowie Stefan Frank (Gitarre) gab die Pianistin und Sängerin jetzt wieder eines ihrer umjubelten Gastspiele in Aalen.
„Crickett Allen is in town“, führt Cichosz entsprechend in den Abend ein. „Und wie!“, möchte man hinterher schieben. Auftritt der Musiker – binnen Sekunden ist es ruhig im Café. Dann legt Allen los. Ihre tiefe, röhrende Stimme vibriert. Im Wechsel mit Norbert Botschek singt sie sich in Fahrt. Gegenseitig schaukeln sich die beiden hoch. „Just the two of us“ von Grover Washington Jr. und Bill Withers klingt da fast schon wie eine musikalische Liebeserklärung. Die hat Allen auch für die Ostalb im Gepäck, zählt fröhlich ihre deutschen Lieblingsstädte auf: „Aalen, Heidenheim, Nürnberg, Köln und München“. In genau dieser Reihenfolge. Doch auch ihre Heimat soll nicht zu kurz kommen. Country gehört schließlich zum festen Bestandteil ihrer Show. „I’m from Nashville, Tennessee“, ruft sie ins Mikrofon. Neben Country kredenzt das Quintett feinen Jazz, ein bisschen Funk, Feierabend-Blues und Rock’n’Roll.
Voller Elan haut Allen bei jedem Titel in die Tasten ihres Pianos, wippt abwechselnd wild mit dem linken und dem rechten Fuß, würde am liebsten loslassen und tanzen. „I’m old and I’m tired, but I’m hot“, sagt sie, greift nach ihren Notenblättern und fächelt sich demonstrativ Luft zu. Die Lieder des Abends sind Klassiker, laden zum Mitsingen ein: „Mustang Sally“, „Blue Suede Shoes“ oder Chuck Berrys „Johnny B. Goode“. Zwischendrin bieten die Musiker auch den leisen Tönen Raum. Gefühlvoll singt Crickett Allen die wunderschöne Ballade „Feels Like Home“ von Chantal Kreviazuk, beobachtet genussvoll, wie ihre Zuhörer spontan Tischlichter umfunktionieren und im Takt der Musik umherschwenken. Genau hier fühlt sie sich zuhause.

  • Veröffentlichung:
    25.04.2009
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    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
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    by Heiko Buczinski

Poetisches Kreativ-Epizentrum

Matthias Holtmann präsentiert die „SWR1 Pop Lyrik in Concert“ im Café Magazine in Aalen

Popstars singen von weißen Kindern, bemängeln die Unterdrückung der Männer durch Frauen, üben Gesellschaftskritik. Damit jeder die Inhalte ihrer Songs verstehen kann, gibt es seit elf Jahren einen besonderen Übersetzungsdienst im Radio: die „SWR1 Pop Lyrik“. Im „Magazine“ brachte Moderator Matthias Holtmann sie nun gemeinsam mit Musikern und Schauspielern auf die Bühne.

„Es ist Viertel vor drei in der Früh. Joe der Barkeeper und ich sind die Einzigen, die noch in der Bar sind“, entführt der Schauspieler Jochen Stöckle die Besucher im Magazine auf eine poetische Zeitreise durch die Musik der letzten gut 60 Jahre.
„Mach einfach noch zwei Drinks“, fährt er fort. „Einen für meine Verflossene – und einen für die Straße“. Es sind Zeilen wie diese, die die Zuhörer begeistern. Fremdsprachige Liedtexte verdeutscht. Der Titel um den (liebes-) trunkenen Kneipengast und Joe den Barkeeper stammt aus dem Jahr 1947 – gesungen von keinem Geringeren als Frank Sinatra.
Wechsel am Mikrofon. Alexander Kraus betritt die Bühnenbretter. Auf den gesprochenen deutschen Text folgt nun die musikalische Darbietung auf Englisch: „One for my baby – one for the road“. Dann übernimmt der Vater der Pop-Lyrik das Zepter. Gewohnt spaßig führt Matthias Holtmann durch die Show – sprechend, schauspielernd, ja, sogar singend. Schauspielerin Simone von Racknitz, Sängerin Britta Medeiros, Pianist Peter Grabinger sowie das Trio „Acoustic Groove“ (Andreas Franzmann, Patrick Schwefel und Winfried Magg) begleiten ihn durch das weitere Programm.
Wie an einem Zeitstrahl hangeln sie sich gemeinsam entlang – von Bob Dylan („Think twice“) über Bryan Adams („Summer of ‘69“) bis zu Amy Winehouse („Rehab“). Auch eine Country-Version von Kid Rocks „All summer long“ gehört zum Repertoire. „Selbst die, die eine Sprache gut sprechen, kennen den Inhalt ihrer Lieder meist nicht“, erklärt Holtmann den Beweggrund für das poetische Übersetzen von Radio-Hits.
Wer kennt schon die Legende vom Kind des Mondes, dem „Hijo de la luna“ (gesungen in der Version von Mecano)? Oder wer wusste um die tieftraurige Bedeutung von Bobbie Gentrys „Ode to Billie Joe“? Oft sind es nicht nur schöne Melodien, die ein Lied ausmachen. Es sind auch die Geschichten, die es erzählt. Und dass sie sich perfekt aufs Erzählen verstehen, haben Matthias Holtmann und seine acht Begleiter bewiesen. Donnernder Applaus, trampelnde Füße und stehende Ovationen sind ein unmissverständliches Indiz.

  • Veröffentlichung:
    21.04.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
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    by Heiko Buczinski

Geballte Ladung Testosteron

Bebend lauter Osterrock mit Max Buskohl im Aalener „Rock it“

Eine Premiere, vier Lärmspezialisten und ein Rebell beim Osterrock im „Rock it“. Das Programm hielt, was es versprach: feinster Rock, ein bisschen Punk und sinnliche Balladen. Nur die Lautstärke war manchmal zuviel des Guten.

Max Buskohl im „Rock it“.

Max Buskohl im „Rock it“.

Rock muss beben. Das ist fast schon so was wie ein Naturgesetz. Erst recht von Bedeutung, wenn die Musiker allesamt männlich sind. Die „richtige“ Lautstärke zu finden ist dennoch schwer. Was open air oder in großen Hallen geht, ziemt sich in kleinen Lokalen eher weniger. Was „The Gas“ beim Osterrock im Aalener „Rock it“ ablieferten, war denn doch zu viel des Guten. Den vier Jungs aus Ulm missglückte der Versuch die passende Lautstärke zu finden.
Übertrieben laut reihten sie in der Enge des Raums einen Titel an den nächsten. Musikalisch einwandfrei. Stimmlich perfekt. Aber eben nah an der Schmerzgrenze. Zu nah. „Ich muss hier raus, das ist mir zu laut“, meinte eine Besucherin und bahnte sich ihren Weg nach draußen. Andere funktionierten Papiertaschentücher zu Ohrstöpseln um.
Dabei bewies die Formation schon beim Intro zu ihrem ersten Titel, dass sie sich auf Hard Rock versteht. Mit dröhnender Gitarrenpower bliesen die Musiker schwungvoll die letzten balladesken Ohrwürmer ihrer Vorgänger aus dem Gebäude, setzten mit Orgel und Posaune interessante Akzente.
„Eine geballte Ladung Testosteron“, nannte das Sängerin Olimpia, die mit ihrer Gruppe „The Diners“ zuvor eine mehr als gelungene Premiere auf der Bühne feierte. Die quirlige Balladen-Queen mit italienischen Wurzeln begeisterte gleich dreisprachig – englische, deutsche und italienische Titel wechselten sich ab. Ein Mischung aus Gianna Nannini und Laura Pausini – eingängig, rockig, sanft. Und auf jeden Fall hörenswert.
Das erwarteten die zahlreichen Fans auch von Max Buskohl und seiner Band „Empty Trash“. Lässig stand der frühere Top10-Kandidat von „Deutschland sucht den Superstar“ mit Schildmütze auf dem Kopf und glatt gestriegelten, schulterlangen Haaren am Mikrofon, griff beherzt in die Saiten seiner silbernen Glitter-Gitarre. Noch mehr Testosteron. Schnell wurde klar, dass Buskohl das Genre mehr liegt als vieles, das er bei DSDS machen musste. Rock ist seine Welt – und mit „Empty Trash“ bereist er sie.

  • Veröffentlichung:
    14.04.2009
  • Medium:
    Lokales, “Schwäbische Post”
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    by Heiko Buczinski

Flott unterwegs mit der Zunge

„Hämmerle“ in Abtsgmünd

Er kennt seine Pappenheimer. Und er zerpflückt sie – systematisch. Bernd Kohlhepp ist Hämmerle. Ein anstrengender Nachbar. Ein schrulliger Schwabe. Ein begnadeter Sänger. Elvis Presley hat es ihm angetan. Mit schwäbischen Texten neu angerichtet, trällert Hämmerle die Melodien des King. Ein Erlebnis, das vor allem die Besucher in den ersten drei Reihen der Abtsgmünder Zehntscheuer so schnell nicht vergessen werden.

Bernd Kohlhepp ist das „Hämmerle“.

Bernd Kohlhepp ist das „Hämmerle“.

Kultkomiker Bernd Kohlhepp kennt keine Tabus. Schon gar nicht, wenn es um das Privatleben seiner Zuschauer geht. Immer tiefer gräbt er als Parade-Schwabe „Hämmerle“ in den Biografien der Besucher in den vorderen Reihen, entlockt ihnen unverblümt so manches Geheimnis. Bissig, ja scharfzüngig geht er mit ihnen ins Gericht. Brigitte, Traudel, Renate, Ursula, Markus, Guido – alle müssen dran glauben. „Wer setzt sich bei so einem Konzert auch freiwillig in die erste Reihe?“, fragt er hinterlistig. Selbst Abtsgmünds Bürgermeister Georg Ruf entkommt den Hämmerle’schen Angriffssalven nur bedingt. Vorzeitiges Verlassen des Saals wird von diesem nämlich mit einer geballten Ladung Sarkasmus geahndet. „Er hat gesagt, er würde zwischendrin ab und zu Sport machen; vielleicht hat er seine Bestimmung jetzt gefunden“, lästert Hämmerle dem entfleuchten Schultes hinterher.
Doch der schwäbische Rock’n’Roller kann auch anders. Singen nämlich. Am liebsten Elvis. „Der Bempflinger König trifft den King aus Memphis“, beschreibt er seine schwäbischen Adaptionen bekannter Elvis-Titel. So wird aus „Love me tender“ ein einfaches „Seifenspender“ und „Are you lonesome tonight“ mutiert zu „Ich bin langsam zurzeit“ – einer Hommage an den Ampelblitzer, dem er seinen Führerscheinentzug verdankt. Natürlich verkörpert der Gesichtsakrobat Kohlhepp auch wieder die rüstige Rentnerin Frau Schwertfeger. Wie selbstverständlich legt er sich auch in Abtsgmünd wieder mit seinem Dauerrivalen Hambacher an.
Und ganz nebenbei löst er noch eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte. Hämmerle weiß ganz genau, warum Frauen immer zu zweit aufs Klo gehen. Es liegt an der Lichtschranke für Wasserhähne. „Die ist oft einfach zu weit weg vom Waschbecken. Da braucht’s zwei zu“.

  • Veröffentlichung:
    03.04.2009
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    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
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    by Heiko Buczinski