Wenn Klangkünstler basteln

„nachtlüx“ präsentieren ihre CD „Nach Norden“ in Aalen und Schwäbisch Gmünd

Eines ist klar: „nachtlüx“ ist keine Live-Band im üblichen Sinn. Das Ensemble lebt nicht von der Interaktion mit dem Publikum, sondern findet sein Glück darin, glückliche Zuhörer zu sehen, die von seiner Musik gefesselt, ja verzaubert werden. Eine studioreife Leistung in die Öffentlichkeit getragen – die CD-Release-Konzerte von „nachtlüx“ im Kulturcafé Rambazamba in Aalen und im Café Spielplatz in Schwäbisch Gmünd.

„nachtlüx“ sind Klangkünstler und Produzent Venezian sowie Sängerin Lea W. Frey. Ein Zusammenspiel aus raumgreifenden Klängen und einer unglaublich klaren Stimme. Eine Musik, die nur schwer zu fassen, zu beschreiben ist. Ist es Muzak? Nein. Atmosphärischer Live Ambient? Vielleicht.
Es dominieren sanfte, lang gezogene und warme Töne. Räumliche Effekte, Klanglandschaften, Geräusche aus der Natur. Jazzige Elemente und dezent angedeuteter Poprock mischen sich darunter. Und immer wieder diese Stimme.
„Nach Norden“ heißt ihr Album. „Wohin zieht es uns?“, singt Lea W. Frey. Deutsche Texte. Ruhig, lasziv, fast meditativ vorgetragen. Feine Gitarrenklänge (Peter Meyer) schmuggeln sich darunter. Angenehm soft streichelt Raphael Becker-Foss sein Schlagzeug. Auch der Bass (Bernhard Meyer) fügt sich wunderbar ins Gesamtgebilde ein.
Manches erinnert ans Musikprojekt Schiller. Und jedes Mal, wenn sich der Zuhörer sicher ist, Parallelitäten zu erkennen, überzeugt ihn „nachtlüx“ doch wieder vom Gegenteil, wird plötzlich laut, rockig, schnell. Bis Lea W. Freys Stimme die Musik wieder einfängt, sie zügelt.
Venezian spielt an seinen Reglern, streicht über die Tasten seines Rhodes, wischt sich das dunkle Haar aus dem Gesicht. Mit geschlossenen Augen steht Lea W. Frey auf dem Podest, unterstreicht mit seichten Handbewegungen ihren Gesang, umfasst dann wieder das Mikrofon, berührt den Mikrofonständer. Ganz zärtlich, nur mit den Fingerspitzen. „Wir sind so fern, Körper treffen sich im Universum, die Gedanken Hand in Hand in Hand . . .“ Nach Norden lotst ihre CD. Weg vom Alltag zieht ihre Musik die Besucher.
In Lea W. Freys Stimme verliert man sich wie in ihren Kompositionen. Rauchig, flüsternd, hoch und tief. Und egal, welchen Titel die Band anstimmt, Freys Stimme ist stets ab dem ersten Augenblick voll da. Schön und klar. „nachtlüx“ sehen ihre Musik als Gesamtkunstwerk, arbeiten kontinuierlich daran, begreifen ihr Werk als sich stetig verändernden Prozess. Musik als Kunstobjekt. Nur das Ganze zählt. Nur aufs Ganze kommt es an. Und so verbreiten sie Gänsehautstimmung auch bei gecoverten Titeln wie Karats „Der blaue Planet“.
Am Ende geben „nachtlüx“ den Besuchern als besinnlichen Abschiedsgruß ihr „Schlaflied“ mit auf den Weg. Und Lea W. Frey philosophiert: „Mach dich auf in dein eigenes Land – und was draus wird, das liegt an dir“.

  • Veröffentlichung:
    02.04.2009
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    by Heiko Buczinski
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Große Sause in Aalens „Wohnzimmern“

Das 9. Aalener Kneipenfestival lockt mit klasse Bands das Partyvolk wieder in Scharen in die Innenstadt

Die Tür zur Havannabar geht auf. „I need a miracle“ hallt es laut durch die Helferstraße. DJ Daniel D’Amour steht hinter den Plattentellern. „So lernt man die ganzen Bars endlich mal kennen“, freut sich die junge Frau, die gerade das Lokal verlässt. Ihre Begleiter nicken zustimmend. „Wohin gehen wir jetzt?“, fragt einer. „Im Frapé gibt’s Funk“, sagt sie. Schnell sind sich die Partygänger einig: „Auf geht’s zur nächsten Runde!“.

Vor dem Infobus auf dem Marktplatz hat sich eine kleine Schlange gebildet. Einlassbändchen für die Kneipen werden verkauft, Programmhefte verteilt. Am Eingang zum „Podium“ wird kontrolliert. „Habt ihr schon einen Bändel?“. Brav zeigen alle ihre Handgelenke. Im gestreiften T-Shirt und mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf setzt Saxofonist Josch von „The Beach Bums“ zum Solo an. Ska und Reggae mit deutschen Texten. Dazu ein bisschen Polka.
Ein paar Meter weiter im „Samocca“ geht es ruhig zu. „Blue Print“ sorgen hier für chillige Stimmung. Der Sekundenzeiger der Schattenuhr an der Wand bewegt sich langsam im Takt zum Bluesrock. Nebenan im „Enchilada“ wird derweil gefeiert. Ein angehender Ehemann auf Junggesellenabschied wird auf seinem gelben T-Shirt als „Held des Tages“ betitelt. Seine Männerrunde hat ihn damit beauftragt, die Band dazu zu bringen, einen Schlager für ihn zu spielen. Die zeigt sich spontan und stimmt für den Bräutigam – sehr zur Freude des mitsingenden Publikums – Olaf Hennings „Komm hol das Lasso raus“ an. Langsam wird es voll im „Enchilada“. Das ist es kurz vor 22 Uhr auch im „Irish Pub O’Brian“. Coverrock steht hier auf dem Programm. Pinks „Who knew“ schmettert durch den Raum. Rauchschwaden wabern hoch zur Galerie. Eine Gruppe Abiturientinnen feiert Prüfungshalbzeit. „Da lernt es sich morgen viel leichter“, sagen sie und lachen. Kurz vor halb elf ist es auch in der Helferstraße brechend voll. Im „Quattro“ stauen sich die Besucher bereits auf dem Gang im Obergeschoss. Die nehmen es mit Humor. „Ist das ein Wohnzimmer da hinten?“, fragt einer und schmunzelt. Die beiden Gitarristen von „Acoustasonix“ sind zumindest zu hören.
Nicht weniger voll ist es im „Hobel“. „Jetzt geht nichts mehr, hier ist Schluss“, heißt es bald auf der Treppe nach oben, wo die „Nikola Band“ alternativen Pop-rock kredenzt. Wie lebendige Schaufensterpuppen sehen die Musiker von „e-werk“ im Reichsstädter Café aus. Das Quartett begeistert mit feinem Bar Jazz. „Hallo Timo!“, begrüßt Saxofonist Norbert Botschek den eintretenden Timo Schaal. Gegenüber im „Rambazamba“ herrscht Platznot. Während „P-Lounge“-Sängerin Bridget Jaqueline Huguet den Besuchern kräftig einheizt, bahn sich Martin Dannenmann mit einer Getränkekiste vor dem Bauch den Weg zur Theke. Ein gemütliches Intermezzo bietet sich bei Frau Prof. Dr. Dr. S. K. Hentze und „Spielführer“ Stefan Frank im „Venezia“. Minimalistisch in der Ausstattung beweist Hentze musikalisches Geschick und verausgabt sich auf gewohnt ironische Art an Klarinette und Keyboard. Als „Geheimtipp“ vor den übrigen Lokalen gehandelt, erweisen sich „La Rolls“ im „Rezeptfrei“ als eine der interessantesten Entdeckungen des Abends. Um Mitternacht erreicht die Stimmung im „Podium“ ihren Höhepunkt. Die MCs vom Kingston Guerilla Soundsystem heizen den Besuchermassen kräftig ein. „Wer ist heute aus Schwäbisch Gmünd hier?“, fragen die DJs durchs Mikro. „Wir!“, schreit ihnen eine Gruppe Mädels entgegen. „Wer geht da aufs Hans-Baldung-Gymnasium?“, lautet die nächste Frage. Erstaunt antworten die Mädchen wieder: „Wir!“. „Gut, und wer von da hat seine Schülermonatskarte hier verloren? Der kann sie sich hier bei uns abholen“.

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    30.03.2009
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Besonders dick aufgetragen

Harry Meyers Ausstellung „Land und Kopf“ in der SüdWestGalerie in Hüttlingen-Niederalfingen

Ist er ein malender Plastiker oder plastischer Maler? Harry Meyer führt die pastose Farbmalerei ad absurdum. Zentimeterdick türmen sich die Ölfarbschichten in seinen Bildern auf. Die Motive springen den Betrachter dadurch förmlich an. Entfremdete Wirklichkeit mit weltlichem Bezug in der SüdWestGalerie in Hüttlingen-Niederalfingen.

Auf einer Linie: Die Bilderserie „Köpf“ und die Holz-Ölfarben-Plastik „Kopf“ von Harry Meyer.

Auf einer Linie: Die Bilderserie „Köpf“ und die Holz-Ölfarben-Plastik „Kopf“ von Harry Meyer.

„So manch einer mag sich fragen ‚Wie lange macht die Farbe das noch mit?“, deutet Dr. Sabine Heilig die erstaunten Mienen der Besucher bei der Vernissage zur Ausstellung „Land und Kopf“. Meyer modelliert die Ölfarben auf der Leinwand, formt sie zu bunten Wellen, Schneckenhäusern, Wolkenformationen. Immer wieder holt er während des Malens untere Schichten erneut hervor. „Dadurch entsteht eine gewisse Marmorierung“, erläutert Heilig. Tief ragen die Spitzen gezupfter Farbmischungen in den Raum hinein, scheinen sich dem Betrachter entgegen zu werfen. Der Plastik „Kopf“ ist diese Flucht vor der sie fesselnden Leinwand gelungen. Leicht verschoben, aber in voller Plastizität steht besagter Kopf auf seinem weißen Sockel – vor der Wand. Meyer arbeitet mit großen Pinseln – auch bei kleinformatigen Motiven. Eine hohe Kunst. Die Farbmischungen wirken dabei stets harmonisch. Durch Lichteinfall entstehen immer neue Farberlebnisse, glänzende Reflexionen, Schatten.
„Meyers Malerei ist Farbe und Form und zwar gegenständlich erfahrbare farbige Form“, erläutert die Kuratorin der Galerie. Es gehe Meyer nicht um die Darstellung von Wirklichkeit. Der Künstler lehnt gelassen an der Wand und nickt zustimmend. Aber die Bilder seien mit der empirischen Erfahrung der Betrachter natürlich deutbar, so Heilig. Meyer verfolge einen philosophischen Ansatz. „Es geht ihm um die Sichtbarmachung der Idee des Lebens selbst“.
Die Naturverbundenheit und Weisheit seines Großvaters hätten als Ideenträger fungiert. Meyer lege Wert darauf, dass er keine Landschaften, sondern Natur male. Mit seinen Porträts kehrt er das Innenleben der Menschen nach außen, zieht ihnen quasi die Haut ab. Eine gewisse Analogie zu Gunter von Hagens „Körperwelten“ ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Heilig: „Er hat die Verinnerlichung des Motivs auf die Spitze getrieben“. Ob Köpfe oder Natur, ob auf metaphysischer Ebene oder nicht – Meyers Farbreliefs beeindrucken auch durch hohe Ausdrucksfähigkeit.

  • Veröffentlichung:
    27.03.2009
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    by Heiko Buczinski

Es ist, was es ist

Jazz Lights 2009 zu Gast auf Schloss Kapfenburg mit Betina Ignacio und Band

Es ist Unsinn sagt die Vernunft. Aussichtslos, lächerlich, leichtsinnig. Doch das Gefühl bleibt. Superlative werden der Brasilianerin nicht gerecht, klingen abgedroschen. Was Betina Ignacio so besonders macht, ist das, was sie ausstrahlt. Ein ungezügelter Optimismus, pure Lebensfreude, Exotik und Humor.

Betina Ignacio auf der Kapfenburg

Betina Ignacio auf der Kapfenburg

Es ist, was es ist – unwillkürlich kommt einem Erich Fried in den Sinn. Der Österreicher begeisterte im letzten Jahrzehnt seines Lebens mit einem der erfolgreichsten Lyrikbände der deutschen Nachkriegszeit – „Liebesgedichte“. Als ein solches kann das Gastspiel von Betina Ignacio samt Band im Trude-Eipperle-Rieger-Konzertsaal von Schloss Kapfenburg getrost bezeichnet werden.
Ein Dialog zwischen Herz und Verstand. Liebe zur Musik. Liebe zum Tanz. Liebe zu Brasilien. Und zu den Menschen – die kommt vor allem zum Ausdruck. „Stellt euch den Strand vor, hinter uns ist das Meer“, verführt Ignacio ihr Publikum, das ihr nur zu gerne ins sommerliche Brasilien, nach Rio de Janeiro oder zum bunten Karneval in Salvador do Bahia folgt. Brasil-Pop, Bossa Nova, Reggae, ein bisschen Café del Mar. Gespielt von Musikern, deren Enthusiasmus dafür sorgt, dass es letztlich – unterstützt von wiederholten Aufforderungen der Sängerin – keinen auf den Stühlen hält.
Es wird geklatscht, getanzt, gehüpft, mitgesungen. „Quem fala português aqui?“, erkundigt sich Ignacio nach den Sprachkenntnissen der Besucher. Schnell findet sich eine Gruppe Mitsänger für den nächsten Titel. Ignacios international besetzte Band verkörpert dieselbe Ausgelassenheit wie sie. Sebastian Motz am Piano, Franco Petrocca am Bass, der ebenfalls aus Brasilien stammende Percussionist Claudio Wilner.
Schon zu Beginn weiß Schlagzeuger Markus Schmidt den Takt vorzugeben. Wie ein Wilder hämmert er auf das Fell seiner Bongo-Trommel. Mit den Handflächen, mit Fäusten. Laut stampft er mit den Füßen auf den Boden. Betina Ignacio mischt sich unter die Zuschauer, beginnt plötzlich mitten unter ihnen zu singen. Es stimmt, was über ihre Stimme schon so oft gesagt und geschrieben wurde. Sie ähnelt der von Sade. Der weiche Klang ihres Portugiesisch verleiht ihr aber eine eigene Unverwechselbarkeit.
Humorvoll führt sie durch das Konzert, sucht den Dialog mit dem Publikum. „Hat jemand ein Streichholzschächtelchen?“, fragt sie. Das sei so schön passend als Percussion zur Bossa Nova. Immer wieder überlässt Ignacio der Band das Spielfeld, tanzt geschmeidig – mal mit, mal ohne High-Heels – über die Bühne. Ihre strahlend weißen Zähne funkeln, die kaffeebraune Haut lässt Wintergeplagte neidisch werden. Ihre Grübchen wirken bei jedem Lachen ansteckend. Und am Ende sind Herz und Verstand einig: Es ist, was es ist – sagt die Liebe.

  • Veröffentlichung:
    23.03.2009
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Wenn Musik zur Religion wird

Marshall & Alexander gastierten mit ihren meditativen „Götterfunken“ in der Aalener evangelischen Stadtkirche

Ja, er ist der Sohn von Tony Marshall und ja, das sieht man. Noch dazu macht auch er Musik. Allerdings keinen Schlager. Marc Marshall ist studierter Bariton. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund, dem Tenor Jay Alexander, tourt er seit zwei Jahren durch Deutschlands Kirchen. Geistlich-meditativ besingen sie dabei „Die Top 10 des Himmels“. So auch in der evangelischen Stadtkirche.

„Wir spüren, dass Musik auch Religion sein kann“, sagt Marc Marshall und lädt ein zum „Abend mit geistlicher Musik“. Seit über zehn Jahren musizieren Marshall & Alexander nun gemeinsam. Mit der Konzertreihe „Götterfunken“ bieten sie der sakralen Musik eine klassische Plattform, nutzen dafür gekonnt Kirchenschiffe als ehrwürdigen, geistlichen Rahmen. In der Aalener Stadtkirche verbinden sie ihren Auftritt mit einer kleinen Premiere.
Der Engländer Richard Whilds von der Bayerischen Staatsoper in München, der die Arien, Kantaten und Choräle des Konzerts eigens für Marshall & Alexander instrumentiert hat, gibt sein Live-Debüt mit dem Ensemble. Außerdem mit dabei: die Musiker Klaus Jäckle (Gitarre, Laute) und Frank Lauber (Flöte, Klarinetten). Das helle Licht erlischt. Dunkelheit, Stille. Rot leuchtende Strahler färben die Szenerie ein, wirken beruhigend. Das Duo tritt auf, geht andächtig in Stellung. Kerzen brennen hinter ihnen. Marshall & Alexander beginnen zu singen: „Dank sei dir, Herr“, ein Georg Friedrich Händel zugeschriebenes Chorwerk. Schnell erweist sich die Akustik des Kirchenbaus als ideal, trägt den feinen Klang der zwei Stimmen auch bis zu den hinteren Sitzbänken.
Meditative Schwingungen breiten sich aus. Geistliche Musik hat die Menschen über viele Jahrhunderte hinweg berührt. Sie tut es noch immer. Ein Wechselspiel aus reiner Instrumentalmusik und Gesang nimmt seinen Lauf. Musiker und Sänger agieren gleichzeitig, alleine, gönnen sich gegenseitig wohl akzentuierte Pausen. „Ombra mai fu (Largo)“ aus Händels „Xerxes“, verschiedene Versionen des „Ave Maria“ (unter anderem von Johann Sebastian Bach und Franz Schubert), die Arie „Dann werden die Gerechten leuchten“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy als Tenorsolo – das Repertoire der Sänger umfasst schwerpunktmäßig die geistliche Musik des Christentums.
Dass ihre musikalische Religion jedoch auch Weltoffenheit widerspiegelt, zeigen Marshall & Alexander zu Beginn der zweiten Konzerthälfte. Mit Gesängen aus dem Buddhismus, Hinduismus, dem Judentum und dem Islam spannen sie Bogen der geistlichen Musik noch weiter. Belohnt werden sie letztlich mit stehenden Ovationen.
Mit dem „Abendsegen“ von Engelbert Humperdinck und einer neu bearbeiteten Version der „Ode an die Freude“ aus Ludwig van Beethovens neunter Sinfonie als Zugabe verabschieden sich Marshall & Alexander. Treffender Titel der Beethoven-Bearbeitung: „Götterfunken“.

  • Veröffentlichung:
    21.03.2009
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Eine Café-Familie begeht Geburtstag

20 Jahre Szenecafé Wunderlich in Aalen – Jubiläumsfeier mit „The Phonics“

Auf dem Verstärker liegt ein Pizzakarton, auf dem Tresen stehen Weizenbiergläser. Dazwischen haben sich die Musiker von „The Phonics“ aufgebaut. Die Jubiläumsfeier des Café Wunderlich ist so speziell wie das ganze Lokal. Seit 20 Jahren trifft sich in der Rittergasse eine vielseitige Szene.

Die kleine Discokugel an der Decke dreht sich, wirft farbige Lichtreflexionen auf Wände, Tresen, Gäste und den schwarz-weißen Fliesenspiegel am Boden. Genau 20 Jahre ist es her, dass Lothar Peschke, Edwin und Harry Mahler das Szenecafé Wunderlich übernommen haben. Zum Geburtstag schenkten sie ihren Gästen ein Party-Wochenende, das in seiner Zusammensetzung die Vielschichtigkeit des Lokals widerspiegelt. Die Ellwanger 60er-Jahre-Combo „The Phonics“ machte am Freitagabend den Auftakt. Den Samstag gestalteten DJ Titze und Lord Vlad mit Mojo-Sounds. „Tanzen sie schon?“, fragt Gitarrist Stefan Mack seine Band-Kollegen und schmunzelt. Über der Theke wird die Geburtstagsfeier in Kreidelettern auf einer Tafel angekündigt. Hinter den Musikern hängt der obligatorische orangefarbene Vorhang und verdeckt die Fenster. Was puristisch anmutet, entspricht eben genau dem Stil des Wunderlich. Das Café hat sein eigenes Flair. Und dem bleibt es treu.
„Happy birthday, hallo Wunderlich!“, ruft Sänger Thomas Roder in die Runde. Immer voller wird es im Lokal. Mit „Unchain my heart“ eröffnen „The Ponics“ den gesanglichen Part ihres Konzerts. „Back to the Sixties“ – die vierköpfige Truppe verkörpert eine Nostalgie, wie sie auch das Wunderlich gerne präsentiert. So steht unter der stuckverzierten Decke unter der dunklen Holzvertäfelung eine original 1958er Hammond-Orgel. Roder hackt wie wild auf ihre Tasten, entlockt ihr Töne, die man dem 50 Jahre alten Instrument gar nicht zugetraut hätte. Roders Lavalampe leuchtet dezent, die farbigen Blasen bewegen sich auf und ab.
Roder, Mack und ihre Bandkollegen Franz Brenner (am Bass) und Christof Ernsperger (Schlagzeug) sorgen mit ihrem „Boogaloo“ für Stimmung. Soul, Surf, Beat und Dancegrooves rasseln durch das Café – von Trini Lopez mit „Gonna get along without you now“ bis zu Boney M mit „Sunny“. Neue Gäste betreten das Lokal. „Grüß Gott, hereinspaziert!“, begrüßt sie Thomas Roder. Die Wunderlich-Gäste sind eine große Familie. Man kennt sich – seit 20 Jahren.

  • Veröffentlichung:
    17.03.2009
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    Lokales, “Schwäbische Post”
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Die raue römische Wirklichkeit

Die Limes-Cicerones begrüßen das antike römische Jahr und eröffnen die Führungssaison 2009

Die Sonne taucht den Waldabschnitt in mystisches Licht. Unzählige Füße stapfen durch den im Schatten liegenden Restschnee am Mahdholz. Weihrauchduft liegt in der Luft. Plötzlich ertönt von vorne ein Signalhorn. Einmal. Zweimal. „Calo Iuno Covella!“, ruft eine Stimme. Der Wald wird lichter, der Limesturm erkennbar. Vor ihm eine große Schar Schaulustiger. Mitten unter ihnen: Römer.

Mit dem Ruf nach Juno Covella läuteten die alten Römer vom Capitol aus ihre Monate ein. Am Limesturm oberhalb des Bucher Stausees feiern nun die Limes-Cicerones den altrömischen Neujahrsanfang nach – in antiken Gewändern, von der Toga bis zur römischen Rüstung. Quelle des Weihrauchs ist ein kleines Feuer, das die Cicerones für eine traditionelle Opfer- und Weihezeremonie entfacht haben.
Manfred Baumgärtner erläutert den Zuschauern die Entstehung des Kalenders. „Warum feiern wir heute Neujahr?“, fragt Baumgärtner und schiebt die Antwort gleich hinterher. Bei den Römern sei der Dezember der zehnte, der November der neunte, der Oktober der achte Monat gewesen. „Und so weiter“. Damit war der nach dem Kriegsgott Mars benannte Monat März der erste im Jahr, erklärt er. Es folgt das Opfer an die oberste Gottheit der Römer, Jupiter. Dazu werfen die Cicerones ein Stück Kuchen ins Feuer, gießen einen Schluck Wein nach, dass es nur so zischt.
Bernd Hofmann und Roland Gauermann teilen die Menschenansammlung in zwei Gruppen, führen sie durch den Turm, zu den Mauerresten, am Limes entlang. „Nun sind wir in der rauen Wirklichkeit der römischen Grenze“, sagt Gauermann und rückt demonstrativ seine Jacke zurecht. Kinder und Eltern lauschen nun gespannt den Ausführungen des Limes-Fachmanns, folgen ihm durch Holz und Schnee bis zum asphaltierten Parkplatz und zurück.
In voller Montur mit dem goldenen Helm auf dem Kopf, der langen Lanze und dem schützenden Schild in den Händen – das Schwert kampfbereit am Gürtel unterm Kettenhemd hängend –schreiten Manfred Baumgärtner und seine Römer zur feierlichen Feldzugeröffnung. Das Horn ertönt erneut. Ein Pergament wird ausgerollt.
„Wir erklären nun symbolisch Germanien und dem neuen Jahr den Krieg“, informieren die Cicerones und ziehen mit der Lanze einen Kreis in den leise knirschenden Schotter am Boden. „Der Kreis symbolisiert das Feindesland“, erklären sie. Mit frischen grünen Kräutern weihen die Römer ihre Lanze, fordern den Segen von Jupiter ein. Dann wird die Lanze mit Schwung in den Kreis geworfen, wo sie im feuchten Grund stecken bleibt. Es ist vollbracht, der Feldzug kann beginnen. „Ilicet!“, ruft der Kundgeber. „Es ist gestattet nun von dannen zu ziehen“.

  • Veröffentlichung:
    04.03.2009
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    Ostalb-Seite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
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    by Heiko Buczinski