Mit der Obstschachtel unterwegs ans blaue Meer

Lisa Wahlandt und Mulo Francel machen beim „Stiftsbund“ in Ellwangen mit der Bossa Nova Band überzeugende Werbung für ihre CD „Brisa do mar“

Sie ist Deutschlands jazziges Stimmwunder, er der Saxofonist von „Quadro Nuevo“ – Lisa Wahlandt und Mulo Francel, zwei Größen ihres Fachs. Beim Stiftsbund-Abend im Atelier Kurz in Ellwangen präsentieren sie ihre neue CD und verführen einander musikalisch an der Copa Cabana – Latin Affairs. Eine Affäre, die Lust auf mehr macht. Und auf Meer.

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Ein starkes Duo: Lisa Wahlandt und Mulo Francel.

Gefühlvoll streicht Bassist Sven Faller mit dem Bogen über die Saiten seines Kontrabass’. Ein Vibrieren hängt in der Luft. Er legt den Bogen zur Seite und beginnt wieder zärtlich an den Saiten zu zupfen. Bossa Nova steht auf dem Programm. Der in den 1950er und 60er Jahren in Brasilien entstandene Musikstil erfährt eine Renaissance. Dass er sprachlich dabei längst losgelöst ist vom reinen Portugiesisch, ist spätestens seit Sérgio Mendes’ Neuaufnahme von „Mas que nada“ mit den HipHoppern der Black Eyed Peas Anfang 2006 bekannt. Auch musikalisch hat sich die Bossa Nova weiterentwickelt. Einflüsse aus nordamerikanischem Jazz und Black Music kamen hinzu.
Ihre Ursprünge aus Samba und Cool Jazz sind jedoch auch heute noch unverzichtbare Zutaten für jeden neuen Titel. Wie sonst sollten sich das Meer, der Strand, die Sonne Brasiliens in die Seelen der Zuhörer spielen? Auch Lisa Wahlandt und Mulo Francel haben sich für ihr Album „Brisa do mar“ dieser Mixtur bedient – und sie variiert. Statt Black Music gibt es Einlagen auf Deutsch, die Jazznote wird betont, der Gesang in den Vordergrund gerückt. Kein Wunder! Verliert man sich doch binnen Sekunden in Wahlandts wundervoll swingender makelloser Stimme. Das ist erotisierend, harmonisch anregend.
Nicht nur Wahlandts Stimme geht unter die Haut. Mulo Francel bläst das Saxofon wie kaum ein anderer, verausgabt sich, bis sich sein Gesicht rot verfärbt. Gemeinsam mit ihrer Bossa Nova Band geben sie Interpretationen alter Klassiker zum Besten. Burt Bacharachs „Close to you“, Louis Bonfas „Samba d’Orfeo“. Aber auch eigene Lieder. „Wenn ich an dich denke“ zum Beispiel. Die Vielseitigkeit ihres Spiels spiegelt die Vielseitigkeit des Jazz wider. Freiräume gibt es dabei für jeden. Sanft gleitet Wahlandt vom Barhocker, bewegt sich zum Flügel, legt eine Hand darauf, beobachtet Walter Lang bei seinem Solo. Zwischen den Liedern erklären Wahlandt und Francel deren Entstehung und Inhalt, bringen den Gästen so Brasilien noch näher – das Unbekümmerte, die Wärme. Auch instrumentelle Schmankerl haben sie im Gepäck: Lang spielt Claviola, Francel Mandoline, Robert Kainar trommelt auf einer Obstschachtel zum Gesang Wahlandts. Jazz minimalistisch – einfach, schön. Fehlt nur noch der Sommer.

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    11.11.2008
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Südafrikanisch

Simphiwe Dana erhitzt die Mapal-Kantine beim Jazzfest

Leise, ganz langsam tänzeln die ersten Töne durch den Raum. Sanfte Stimmen erklingen. Von Simphiwe Dana noch keine Spur. Augen zu. Ohren auf. Ein Gefühl von Weite, von Ferne stellt sich ein. Und dann dieser Duft. Süßlich-seicht, wie er einem in Südafrika ständig begegnet. Im Vorbeigehen zerstäubt sie ihn in der Luft. Sekunden später bebt die Kantine. Jetzt singt sie.

„Zandisile“ heißt ihr Debütalbum – die, die sich ihre Träume erfüllt. Jazz, Soul, Weltmusik. Ganz unverkennbar mit afrikanischen Wurzeln, manchmal gespickt mit karibischen Einschiebseln. Simphiwe Dana hat es, wie den gleichnamigen Songtitel, ihrer Tochter Zazi gewidmet.
Es ist heiß in der Mapal-Kantine. Auch Dana schwitzt. Auf dem Kopf trägt sie das für ihren Stamm typische Tuch, zu einem Turban gewickelt und hoch gesteckt. Ihre Hände umfassen das Mikrofon, fast schon zärtlich wirkt das. Wenn sie singt, hängen alle an ihren Lippen. Ihre tiefe Stimme klingt rauchig. Ihre Lieder sind meist in Xhosa, nur selten mischt sie englische Passagen darunter.
Mit ihren Texten erzählt sie aus Kindertagen, über Gefühle, von der Apartheid. „Bantu Biko Street“ – in Gedenken an den 1977 getöteten Bürgerrechtler Steve Biko – ist einer dieser Titel. Die Geschichte der Schwarzen in Südafrika steht allgemein im Fokus, ihr Streben nach Freiheit, nach Selbstverwirklichung.
Farbige Strahler beleuchten Dana von hinten. Aufbruchstimmung. Sechs Musiker und drei Background-Sängerinnen begleiten die Szenerie. Ein stilvolles Ensemble. Südafrika liebt den Jazz, in seinen Townships wird er gelebt. Dana erinnert an Miriam Makeba.
Hände prasseln auf die Bongos. Dana feuert den Trommler an, schreit „Ayayayayay!“. Langsam bewegen sich auf der Bühne alle im Rhythmus zu den Bongo-Schlägen, werden schneller. Dana hüpft umher, bleibt stehen. Sie entführt die Jazzfest-Besucher in ihre eigene Welt. Auf den schwarzen Kontinent. Ekstatisch reckt sie ihre Hand empor, blickt flehentlich nach oben. So schön kann afrikanischer Jazz sein.

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    08.11.2008
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Multikulturell

Themba Mkhize und Roberta Gambarini auf jazziger Reise

New York, Turin, Johannesburg Grenzen überwinden – auch dafür steht der Jazz. Beim Aalener Jazzfest trifft dynamisches, südafrikanisches Tastenspiel (Themba Mkhize) auf italienisch-amerikanischen Gesang (Roberta Gambarini). Zwischenlandung im Café Magazine.

Die langen, weißen Saiten seines schwarzen Flügels spiegeln sich im blank polierten, halb geöffneten Deckel. Sie zucken über die glatte Oberfläche –jedes Mal, wenn Themba Mkhize in die Tasten haut. Sein Repertoire: südafrikanische Jazzkultur. Feinster Pianojazz.
Der Johannesburger selbst bildet fast schon einen Gegensatz dazu: leise, bedacht, schüchtern. Kaum hörbar, aber stolz beschreibt er seine Gefühle an dem Tag, als Nelson Mandela erster schwarzer Präsident der Kap-Republik wurde.
Lange reden will er nicht. Da lässt er lieber wieder flink seine Finger über die Tasten gleiten. Virtuos. Seine Stücke sind lang und komplex, streuen Akzente seiner Zulu-Kultur unter die Zuhörer. Er zelebriert den Minimalismus, in manchen Augenblicken schon beinahe belanglos – und doch voll da. Das zeichnet ihn aus, wird für sein Publikum jedoch zur Herausforderung. Geschickt holt Mkhize Gesangsgast Mimi Ntenjwa zu sich auf die Bühne. Sofort wird es still. In ihrem knallbunten Kleid zieht sie die Blicke an.
Der Groove ist zurück. „Good evening, I’m Sarah Palin“, beginnt Roberta Gambarini lachend ihren Auftritt. Dass das in New York lebende Turiner Stimmwunder Gambarini weit mehr besitzt, als einen Sinn für Humor, hat sie schon bei früheren Jazzfest-Sessions unter Beweis gestellt. Mit Cole Porters „Get out of town“ setzt auch sie sogleich wieder Akzente. Moderner Jazzgesang, viel Swing, Blues. Zwischendrin italienisch. So multikulturell darf es weiter gehen. Auch der Mainstream hat Klasse.

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    08.11.2008
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Ein Quantum Trost

Neu im Kino

„Sie sind erschreckend effizient“, urteilt Bond-Girl Camille (Olga Kurylenko) über die Methoden ihres Begleiters, als dieser sich wiederholt mehrerer Widersacher entledigt. Gentlemanlike war gestern. Überhaupt bricht der neueste Bond-Streifen gezielt mit lieb gewonnenen Traditionen. Was in „Casino Royale“ seinen Anfang nahm, wird nun in Perfektion vollendet: die Transformation des James Bond (erneut hervorragend verkörpert von Daniel Craig) ist abgeschlossen. Der Spion von heute hat Moral, zeigt Emotionen, kennt Rachegelüste. Quasi als Fortsetzung seines Vorgängers beschreibt „Ein Quantum Trost“ die von blankem Hass getriebene Verfolgungsjagd des gebrochenen Bond auf die Verantwortlichen am Tod seiner großen Liebe Vesper Lynd. Einstieg: eine halbe Stunde nach dem Ende von „Casino Royale“. Entsprechend prägnant sind auch die Anknüpfungen an den letzten Bond. Neuer, starker Gegner ist der Geheimbund „Quantum“ um den skrupellosen Geschäftemacher Dominic Greene (Mathieu Almaric), der über seine tief vernetzten Strukturen die Folgen eines weltweiten Klimawandels in Profit und Macht ummünzen will. Die passende Spielwiese für den nach Vergeltung strebenden Bond. Und trotzdem bleibt „Ein Quantum Trost“ vom Plot her weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, wirkt unvollständig. Sehenswert daher am besten auch im Doppelpack mit „Casino Royale“. Der Neuerfindung des britischen Geheimagenten fallen große Teile der ursprünglichen Erfolgs-Formel für Bond-Filme zum Opfer. Regisseur Marc Forster setzt verstärkt auf Gefühle und auf die visuelle Präsenz seiner Charaktere (eindrucksvoll beispielsweise beim Gerüstkampf in einer Kirche der toskanischen Metropole Siena oder vor dem Auge „Toscas“ beim Opern-Showdown auf der Bregenzer Seebühne). James Bond und seine Gegner wirken realer, die einzelnen Szenen glaubwürdiger, hintergründiger. Letzteres ist sicher dem neuen Serien-Charakter des Werks geschuldet. Aber gerade darin liegt auch die Crux des Ganzen: Die Seele des 22. James Bond ist eine andere. Pure Authentizität in 106 Minuten. Irgendwie doch erschreckend effizient.

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    07.11.2008
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Viel Energie, viel Kraft, viele Tränen

250 Gäste feiern mit Christian Steiner die Geburt seines Albums „Gute Reise“

„Guten Abend, gute Reise“, begrüßt Christian Steiner sein Publikum im Café Magazine. Gespannte Blicke begegnen ihm. Was er wohl mitgebracht hat? Auf jeden Fall jede Menge lokale Musik-Prominenz. Die Präsentation seines ersten eigenen Albums entpuppt sich als musikalischer Clou. Eine (sehr) gute Reise durch Musikstile und Geschichten.

Es ist ein besonderer Abend. Nicht nur, dass sich im Café Magazine ein wahrer Schmelztiegel an musikalischen Gästen gebildet hat, viele stehen auch zeitgleich oder nacheinander auf der Bühne. Manfred Arold („Stumpfes“), Bernd Weingart („Tightrope“), Christian Bolz („Funkaholish“), Marcus Theinert („Joyce“) – die Liste etablierter Musiker, „hochkarätiger Gäste“, wie Christian Steiner sie nennt, ist noch lang. Sie alle sind fester Bestandteil seiner CD-Präsentation. Nach Jahren in unterschiedlichsten Bands wagt er nun den nächsten, großen Schritt.
Ein eigenes Album, selbst komponiert und produziert, mit deutschen Texten, die Geschichten erzählen – allesamt aus seiner Feder. So verwundert es auch kaum, dass Axel Nagel mit seinem Trio die Vorgruppe mimt. Schon bald wird klar, dass dieser Abend noch so manche Überraschung birgt. Axel Nagel singt auf Deutsch (!) – von müden Helden und innerlich ziellosen Bergsteigern.
Dann übernimmt Christian Steiner das Bühnen-Regiment. Ob er nicht aufgeregt sei, hätten ihn Freunde gefragt. „Doch, bisher war’s noch nie so stark“, bekennt er. Aber er ist auch stolz, auf das was er geschaffen hat. Es habe lange gedauert, viel Energie, viel Kraft, viele Tränen gekostet. „Und ein paar Underberger“, fügt er schmunzelnd an.
Das Eis ist gebrochen. Zehn Titel hat Steiners Album. Er spielt sie alle der Reihe nach, erzählt stets die Geschichte von deren Entstehung. Mit seinem „musikalischen Lebenspartner“, Funkaholish-Frontmann Ralf Meiser, spielt er singend und mit Schwimmweste und Zylinder bekleidet, die Geschichte vom Adeligen Ghallager, dem nach einem Schiffbruch von einem verurteilten Mörder das Leben gerettet wird.
Das Akkordeon spielt auf. Seemannsmusik mischt sich immer wieder in Steiners Lieder. Aber auch funkige, jazzige, soulige und poprockige Klänge. Und zwischendrin hallen vergnüglich Liedermacher-Chansons durch den Raum.
Auch die Palette an Instrumenten verblüfft: neben den obligatorischen (Bass, Gitarre, Schlagzeug, Keyboard) gibt es Akkordeon, Flügelhorn, Trompete, Saxophon, ein kleines Streichorchester und vieles mehr. Mit dem Abschiedslied „Gute Nacht“ zieht Steiner schließlich Piano spielend und zu den sanften Zügen seiner Streicher weiter auf seiner Reise. Viel Beifall und rhythmisch trampelnde Füße begleiten seinen Auszug. Hoffentlich kehrt er bald wieder.

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    28.10.2008
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Gänsehautstimmung genießen

Jubiläumskonzert von „Jesolo“ in der Wasseralfinger St. Stephanus-Kirche begeistert das Publikum

Was 1978 als Jugendchor seinen Anfang nahm, ist als Jesolo heute fester Bestandteil des Wasseralfinger Gemeindelebens – eine 30 Mitglieder starke Gesangsgruppe mit Band, die sich moderner, religiöser Musik verschrieben hat. Eine Alternative zur Kirchenmusik mit erfrischender Strahlkraft. Entsprechend voll war es beim Konzert zum 30. Geburtstag des Ensembles in der St.-Stephanus-Kirche.

Zum 30. Geburtstag des Chores „Jesolo“ gab es ein Best of und viele neue Stücke in der St.-Stephanus-Kirche in Wasseralfingen zu hören.

Zum 30. Geburtstag des Chores „Jesolo“ gab es ein Best of und viele neue Stücke in der St.-Stephanus-Kirche in Wasseralfingen zu hören.

„Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude beim Singen, Musizieren und geselligen Beisammensein“, gab Pfarrer Harald Golla den Chormitgliedern von Jesolo mit auf den Weg. „Ich empfinde Ihren Einsatz in unserer Gemeinde als sehr hilfreich und wertvoll“, betonte der Geistliche und sprach den „Botschaftern von St. Stephanus“ seinen Dank aus.
Beflügelt von soviel Lob eröffneten die Sänger ihr Jubiläumskonzert mit einem Titel von Pfarrer und Liedermacher Clemes Bittlinger: „Auf dem Weg der Gerechtigkeit“. Dass in drei Jahrzehnten Musik einige, durchaus auch ausgefallene Titel zusammenkommen, zeigten Jesolo bei ihrem „30 Jahre Lieder-Medley“. Chorleiter Herbert Riedl: „Schnallen Sie sich an für einen kleinen Rundflug durch 30 Jahre Jesolo!“. Peter Maffay („Lieber Gott“), Anne Marray („Put your hand“), Georg Friedrich Händel („Halleluja“) – ein Repertoire, dessen Vielseitigkeit den Sängern viel abverlangt.
Gesellschaftskritisch intonierten Jesolo Peter Cornelius‘ „Erde, Feuer, Wasser, Luft“, mahnten zur Vorsicht: „das kann alles irgendwann zu Ende sein“. A cappella begeisterten sie mit „Freedom is coming“. Gänsehautstimmung herrschte bei „Carry the light“ von den Continental Singers – zu reiner Pianobegleitung ein wahrer Hörgenuss.
Beeindruckend auch die Vielfalt im Spiel von Jesolo: elektrische und akustische Gitarren, Bass, Piano, Violinen, Querflöte, Trompete, Schlagzeug. Ein Höhepunkt des Konzerts: der Lebenskreis-Zyklus, vier Lieder, die dem Leben musikalisch Ausdruck verliehen. Drei Musicals führte Jesolo seit seiner Gründung 1978 auf, Auszüge wurden gespielt. Am Ende gab es stehende Ovationen.

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    21.10.2008
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Sinn für traditionell Schönes bewahren

Herbstliche Kunsthandwerkerausstellung auf dem Schlossgut Hohenroden

Dass uralte Handwerkstechniken auch heute alles andere als antiquiert sind, bewiesen Kunsthandwerker aus der Region zum wiederholten Male auf dem Schlossgut Hohenroden. Bei ihrem Ausstellungswochenende unter dem Motto „Herbstträume“ verwöhnten sie die Besucher mit filigraner Kunst für die Sinne.

Origami-Kunst von Irene Löffel zeigt die Schönheit des Handwerks.

Origami-Kunst von Irene Löffel zeigt die Schönheit des Handwerks.

„Wir werden immer wieder gefragt, warum wir uns das eigentlich antun“, führt Organisatorin Christine Petraschke in die Ausstellung ein. Die Arbeit als Kunsthandwerker sei ja auch mit viel Einsatz und hohem Zeitaufwand verbunden. Doch gerade darin sieht die Kunstpädagogin auch den tieferen Grund ihres Schaffens. „Wir wollen uns den Sinn für Schönes bewahren“, sagt sie. Die Schönheit des heutigen Kunsthandwerks mit seinen traditionellen Wurzeln sei dafür ideal. Und genau darum ginge es schließlich – um das Erhalten alter Traditionen. Natürlich seien die heutigen Exponate etwas „aufgepeppt“. Das liege jedoch vor allem auch daran, dass der ursprüngliche Charakter des Kunsthandwerks als Hersteller von Produkten für den täglichen Gebrauch so nicht mehr gegeben sei. Entsprechend kamen auf dem Schlossgut Hohenroden auch Kunsthandwerker zusammen, die sich dieser Sinnlichkeit verpflichtet fühlen. Filigrane Kunst als Ruhepol, herbstliche Träume, die greifbar waren: Da gab es unter anderem Filz-Obst (Susanne Regen), Schmuckexponate (Susanne Holl), Stoffpuppen (Ute Lüdeking) und Holzdekorationen (Maria Schetter Sluor). Christine Petraschke zeigte keramische Kleinskulpturen und Aquarelle. Sabine Neugebauer zauberte mit Sternenlaternen aus herbstlich gefärbtem und handgeschöpftem Papier Stimmung. Kunstvolle Illuminationen liefert auch Alexander Morasch mit seinen Licht- und Holzobjekten. Christl Woisetschläger stellte Mode zur Schau. Violaine Spanuth handgesiedete Seifen. Licht- und Feuerkünstler Udo Schanz präsentierte seine spezielle Schweiß-Kunst vor dem Gebäude: kreative Feuerkörbe, die das alte Gemäuer in ein mystisches Licht tauchten. Dazu passend verwöhnte das Waldstetter Trio Thilo Schimmele, Johannes Groß und Klaus Geiger die Besucher der Vernissage mit feinem Jazz.

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    20.10.2008
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Überall wartet die Fremde

Türkischer Abend mit Literatur, Tanz und Essen im Kulturcafé Rambazamba

Unsicherheit herrscht, wenn Kulturen aufeinanderprallen. Im Café Rambazamba taten sie das gezielt – beim türkischen Abend der Familien-Bildungsstätte, der Stadtbibliothek und des Katholischen Bildungswerks. Ein Streifzug durch die deutsch-türkische Geschichte, aus der Vergangenheit ins Jetzt.

Natasche Euteneier mit einem Bauchtanz im Rambazamba.

Natasche Euteneier mit einem Bauchtanz im Rambazamba.

„Deutsche Heiratskandidaten denken vor dem Eheschluss immer an den Schluss der Ehe“, meint Dr. Michael Krämer, Literaturwissenschaftler und Theologe aus Stuttgart. Bei den Türken sei das anders. Diese wollten möglichst jung heiraten, Kinder kriegen, Verantwortung übernehmen. So sei es in ihrer Kultur üblich. Das stelle keiner in Frage.
Während um ihn herum die Besucher in die kulinarische Welt der Türkei eintauchen – mit Köstlichkeiten wie Lahmacum, Auberginenauflauf, gefüllten Weinblättern oder eingelegtem Schafskäse – kredenzt der Literat Auszüge aus den Werken von Autoren, deren Muttersprache Deutsch ist, die aber alle über türkische Wurzeln verfügen. Das gemeinsame Thema aller Texte: Leben zwischen zwei Kulturen.
„Es handelt sich um Literatur von Menschen, die in der dritten Generation in Deutschland leben“, erklärt Krämer. Seine Lesung unterteilt Krämer inhaltlich in vier Abschnitte: das türkische Leben in der Türkei, Ankunft, Leben und Schwierigkeiten in Deutschland, die neue Art Zuhause im sich verändernden Deutschland und das Aufeinanderprallen zweier Kulturen.
Immer wieder mischt er eigene Erfahrungen unter die Erzählungen, führt den Besuchern prägnant ihre eigenen Gedanken vor Augen. Dabei werden nicht nur interkulturelle Probleme treffsicher auf den Punkt gebracht, sondern auch typische Probleme von Mono-Gesellschaften ausgeschlachtet – vom Zusammenleben in Patchworkfamilien bis zu missglückten Kochversuchen mit fremden Nahrungsmitteln.
Immer präsent sind die kulturellen Unterschiede Deutschlands und der Türkei und deren emotionale Auswirkungen. „Keine wirkliche Heimat zu haben ist sehr ungesund“, heißt es beispielsweise in Seyran Ates‘ „Der Multi-Kulti-Irrtum“. Necla Kelek umschreibt die Gefühlswelt noch drastischer: „Auf sie wartet überall nur die Fremde“.
Und dennoch gibt es Annäherungen, verschmelzen beide Kulturen langsam ineinander. Augenzwinkernd beschreibt Krämer die Versuche eines türkischen Mädchens, seinen Eltern den deutschen Freund schmackhaft zu machen.
Auch Natascha Euteneier zeigt wie es gehen kann: grazil, sinnlich und gefühlsbetont bewegt sie sich bauchtanzend durch die Reihen. Die Musik dazu kommt aus der Konserve, könnte aber inhaltlich kaum besser passen: die Combo ist multinational und nennt sich selbstbewusst „Bremer Stadtimmigranten“. Gelungene Integration ist eben manchmal doch nur eine Frage der Perspektive.

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    18.10.2008
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Pointierte Dialekt-Lektion in Jacques’ Bistro

Detlev Schönauer hat in der Zehntscheuer Abtsgmünd sein Publikum „übergerascht“

Jacques ist Franzose. Seit einigen Jahren lebt er allerdings bereits in Deutschland. Genauer: im Saarland. Dort betreibt er ein kleines Bistro, von dessen Tresen aus er mit Vorliebe seine Gäste beobachtet. Was Jacques dabei erlebt, erzählt der Mainzer Kabarettist Detlev Schönauer in seinem Programm. „Übergerascht“ heißt es. Eine charmante Persiflage auf Deutschlands Dialekte und die, die sie sprechen in der Abtsgmünder Zehntscheuer.

Detlev Schönauer erzählt als „Jacques“, der Wirt, aus dem Leben seiner Gäste.

Detlev Schönauer erzählt als „Jacques“, der Wirt, aus dem Leben seiner Gäste.

„Solange wir Deutschen Müll trennen und Frösche über die Straße tragen, kann es uns noch gar nicht so schlecht gehen“, meint er. Im Bistro bei Jacques ist es wie im normalen Leben. Hier treffen sie aufeinander, die Befindlichkeiten des kleinen Mannes mit den Problemen, die die Welt bewegen. Doch wer ist das schon, die Welt? „Kennen Sie das vereinfachte Saarländer Weltbild? Nein?“. Das sieht so aus: Östlich des Saarlands sind alles Pfälzer, westlich alles Franzosen. Und mit beiden Fraktionen haben die Saarländer ihre Konflikte.
Dabei hätten sie doch genügend Probleme im eigenen Land. Die Bildung zum Beispiel. Als deutschlandweiter Pisa-Letzter hat man es oft nicht leicht. „Das ist wie bei Textaufgaben in Mathe – am Ende wird immer gefragt ‚Wie alt ist die Oma?'“. Oder die niedrige Geburtenrate. „Auf vier Mütter kommen bei uns nur drei Kinder“. Vielleicht stehen die Saarländer deswegen auch so gerne an der Theke, spülen ihre Probleme runter. Jacques kann das nur recht sein. Sein Bündel an Geschichten wird damit jeden Tag aufs Neue etwas breiter geschnürt. Auf Schwierigkeiten stößt er dabei immer wieder. Meistens sind die sprachlicher Natur. „In Deutschland kann keiner Deutsch“, beschwert sich Schönauers Kunstfigur treffend nasal. Nun gut, Dialekte hätten ja auch was. „Da steckt viel mehr Gefühl drin als in Hochdeutsch“. In der Erotik wirkten viele Dialekte allerdings eher abtörnend. „Wissen Sie, was mich übergerascht hat?“, fragt Jacques, nicht wirklich akzentfrei. Das Männermagazin „Playboy“ habe in einer Umfrage Bayerisch als den erotischsten Dialekt Deutschlands ausgemacht. Wobei das natürlich immer noch besser klinge, als wenn ein Sachse oder gar ein Pfälzer (!) im Liebestaumel den Urlauten ihres Dialektes nachgäben. Langsam redet sich der Franzosen-Verschnitt in Rage, kritisiert die Politik, banalisiert sie gekonnt im Zuge ihrer eigenen Problemlösungsansätze. Genüsslich widmet er sich Gesetzen und Gesetzgebungsversuchen. Nichtraucher- und Klimaschutz zum Beispiel, oder dem Ladenschluss: „Warum soll man Sonntagmorgen sein Geschäft auflassen? Das bringt ja nichts – sieht man schon an der Kirche“.
Mit einer Leidenschaft, die seine Augen zum Leuchten bringt, versetzt sich Schönauer in die von ihm gespielten Charaktere, verleiht ihnen geistreich Leben. So zerlegt er als Marcel Reich-Ranicki hochliterarisch Kinderlieder: „Ringel, ringel, Rosen – ja was heißt denn das?“. Oder er sitzt am Piano und singt als Konstantin Wecker vom „Häschen in der Grube“. Warum Männer und Frauen nicht zusammenpassen, erläutert Schönauer gerne – und gibt letztlich doch freimütig frische Tipps aus dem Casanova-Workshop der Flirtschule in St. Gallen. „Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick oder soll ich noch einmal herein kommen?“
Inbrünstig besingt Schönauer die Anrufbeantworter seiner Freunde, ob im Marlene-Dietrich-Stil, als Mozart-Duett oder für Luigi passend italienisch. Nahezu gesellschaftskritisch vergleicht er singend die Kindheit früher und heute, veräppelt die Probleme, die Schwierigkeiten, die Wehleidigkeiten der neuen Generation: „Wie haben wir das nur geschafft?“. Das letzte Wort des Abends gebührt noch einmal Jacques. Wie ein richtiger Saarländer verabschiedet der sich: „Alla, gut Nacht!“.

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    07.10.2008
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Kinder haben und Papa sein

„FaberhaftGuth“ beim Aktionszyklus zum zehnjährigen Bestehen der Zehntscheuer in Abtsgmünd

„Sag mal, hast du den eingeschlossen?“Gemeint ist der Sohn. Vorwurfsvoll schaut Martin Guth seinem Kollegen Dietrich Faber in die Augen. In ihrem Programm „Papanoia“ widmen sich die beiden Kabarettisten szenisch anschaulich einer sich rasant verändernden Spezies – der Familie. Die Abtsgmünder Zehntscheuer als gut bestücktes Minenfeld des gemeinschaftlichen Zusammenlebens.

„FaberhaftGuth“ - die beiden Kabarettisten sorgten mit ihrem Programm rund um die sich rasant verändernde Welt der Familien für beste Unterhaltung in der Zehntscheuer.

„FaberhaftGuth“ - die beiden Kabarettisten sorgten mit ihrem Programm rund um die sich rasant verändernde Welt der Familien für beste Unterhaltung in der Zehntscheuer.

„Ich schließe doch meinen Sohn nicht ein, ich hab nur die Tür zugemacht“, weist Faber jede Kritik von sich. Im Showgeschäft hat Mann es nicht leicht. Was tun mit dem Sohn, wenn die geneigte Gattin sich mit den Worten „Ich muss dringend weg“ zur Mondscheinsitztherapie im See verabschiedet? So ein Fünfjähriger, der will unterhalten werden. Nur gut, wenn der Papa das passende Entspannungsmittel kennt: „Er hört jetzt seine Rammstein-CD. Das beruhigt ihn“. Zur Not kriegt der Kleine noch ein paar Tabletten. Mann ist ja nicht blöde.
Besagter Sprössling – sein Name ist übrigens Hilmar – ist der rote Faden von „Papanoia“. Im Wechsel „kümmern“ sich Faber und Guth um den fiktiven Nachwuchs in der Garderobe, bieten sich so gegenseitig Freiräume für Solo-Einlagen. Präsentiert werden dann so kongeniale Geschichten wie der erste gemeinsame Elternabend, geleitet von „Educating Consulting“. Als Berater befürwortet Martin Guth da den Ganztageskindergarten. Das meint er allerdings wörtlicher, als das manchen Eltern lieb sein dürfte: von spätestens 5.30 Uhr morgens bis mindestens 22.40 Uhr am Abend. „Wir sind die bessere Familie“, so der Leitspruch des Beraters.
Mit beängstigend stoischer Ruhe nähern sich FaberhaftGuth dem Vorschulalter der Kinder. Faber erzählt mit hallender Stimme, spielt dazu sein Piano. Es geht um ein kleines Mädchen, das mit seinem Papa spazieren geht und dem Löcher in den Bauch fragt. Ihr nerviger Wissensdurst, ihr kindlicher Übermut, ihr Unverständnis – all das packen die Beiden gekonnt in ein Lied: „Und ich bleib still“.
Aus dem Koffer zaubern Faber und Guth ein gesellschaftskritisches Kasperle-Theater. Gewerkschaften, Frauenbeauftragte („Liebe Frauen und Frauinnen“), Fremdenhass, die Politik, sogar Lady Di müssen als Vorbilder herhalten. Neumodische Doppelnamen (Justin-Jürgen oder Kevin-Karlheinz) und technische Neuerungen (Magen-Darm-Spiegelungen via Handy) werden verballhornt. „Seht mich nur an, ich leide so sehr“, besingt Faber in Paul Potts-Manier und mit grimassenverzerrtem Gesicht den Niedergang des IKEA-Konsums, kickt entschlossen ein imaginäres Köttbullar-Bällchen durch die Luft. Im Stile ihrer Landsmänner von „Badesalz“ zelebrieren die Komiker den sonntäglichen Fußballplatzbesuch. Verschiedenes Klientel trifft da regelmäßig aufeinander: der Cheerleader-Papa, die Stammtischbrüder, die Kuchen backenden Mütter, der immer besoffener werdende Sportreporter. Auf die wilde Gag-Sinfonie folgt „Ein Hit nach dem anderen“, eine gesungene Hommage an die musikalischen Größen der 70er, 80er und 90er Jahre. Ekstatisch reihen Faber und Guth einen Titel an den nächsten, singen von jedem nur drei, vier Wörter. Dann spielen sie sich selbst und den Beginn ihres Programms im Kasperle-Theater nach – die Besorgnis um Hilmar, die Wortspielereien. „Sag mal, hast du den eingeschlossen?“. Kinder haben und Papa sein ist nicht einfach.

  • Veröffentlichung:
    02.10.2008
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    Kulturseite, “Schwäbische Post” + “Gmünder Tagespost”
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    by Heiko Buczinski